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Per Petterson:
Ist schon in Ordnung. Roman
Aus dem Norwegischen von Ina Kronenberger
München: Hanser 2011
218 Seiten
€ 19,90
Kindle eBook: € 15,99
Junge Erwachsene ab 16 Jahren

Petterson, Per: Ist schon in Ordnung. Roman

Es ist, wie es ist

von Elisabeth Peter (2012)


Audun ist dreizehn, als er im strömenden Regen und mit Verspätung das Schulgebäude des Gymnasiums in Veitvet erreicht. Es ist sein erster Schultag, und wie immer trägt er seine Sonnenbrille. Nicht einmal im Klassenraum nimmt er sie ab. Mit ihr fühlt er sich wie ein „Phantom“, keiner sieht in seinen Augen, was er denkt oder fühlt. Er hält sichere Distanz zu seinen Mitschülern und Lehrern und will in Ruhe gelassen werden. Dass er auf die Nachfrage seines neuen Lehrers nach seinem Leben vor Veitvet abwehrend reagiert und am liebsten davonliefe, lässt keine schöne Vergangenheit vermuten.

Dies ist die erste episodische Erinnerung, die man aus dem Leben Audun Slettens erfährt. Er ist der achtzehnjährige Protagonist aus Per Pettersons Coming-of-Age-Roman „Ist schon in Ordnung“. Der Ich-Erzähler lebt in den 1970er Jahren zusammen mit seiner Mutter in Veitvet, einem Osloer Vorort. Seine Mutter tröstet sich an schlechten Tagen mit Opernaufnahmen von Jussi Björling, Auduns Rückzugsort ist die Welt der Literatur. Schon als Kind ist er in die Rolle des Helden aus seinem Indianerbuch geschlüpft, wenn es zuhause schlimm wurde. Später verschlingt er Jack London, Tolstoi und Gorki. Nachdem er Jack Londons „Martin Eden“ gelesen hat, ist sein Wunsch geweckt, Schriftsteller zu werden. Die Schule ist ihm dabei keine Hilfe; Audun hat das Gefühl, dort fehl am Platz zu sein. Lieber würde er „hinaus in die Welt, um darüber zu schreiben“.

Zitate aus verschiedenen literarischen Werken decken Gefühle auf, die einem als Leser durch Audun selbst nicht offenbart werden. Über Gefühle schreibt Per Petterson nämlich nicht, sondern lässt sie den Leser spüren. Gestik, Mimik und Reaktionen der Figuren werden so detailliert dargestellt, dass es leicht wird, mitzufühlen. Mit kurzen Sätzen und knappem Wortschatz erzeugt Petterson präzise Beschreibungen von Orten und Handlungen. Dabei werden Dunst, Nebel und Qualm zu zentralen Symbolen: Oft erscheint vieles verschwommen, es wird nichts reflektiert oder dargelegt, vieles bleibt im Ungewissen. Petterson ist bekannt für seinen poetischen Schreibstil und seine lakonische, unsentimentale Ausdrucksweise. Selbst die irritierendsten und extremsten Ereignisse in Auduns Leben werden so sachlich geschildert, dass man als Leser den Eindruck gewinnt, für Audun sei alles irgendwie „schon in Ordnung“.

Ein zentrales Thema des Romans ist das zwischenmenschlicher Beziehungen. Sein Klassenkamerad Arvid, mit dem er die Liebe zur Literatur teilt, steht Audun von allen am nächsten, doch oft hat man den Eindruck, dass diese Nähe für Audun schwierig ist. Als er beginnt, Arvid nach fünf Jahren Freundschaft von seinem Vater zu erzählen, bereut er es auch schon wieder. Er fühlt sich einsam und vor allem anders als alle Anderen. Arvid ist Mitglied der FNL-Gruppe der Schule, einer Sympathisantengruppe der „Nationalen Front für die Befreiung Südvietnams“, und auch sonst vertritt er revolutionäre Ansichten. Audun dagegen hat keine richtige Meinung zu den meisten gesellschaftlichen oder politischen Fragen. Er ist zu beschäftigt mit seinen eigenen Dingen. Mit den Erinnerungen an seinen Vater zum Beispiel, die ihm noch lange Angst machen. Oder mit dem Tod seines Bruders, der ihn immer noch beschäftigt. Oder mit diesem merkwürdigen Gefühl, das immer wieder in ihm aufsteigt und das er zu unterdrücken versucht. Es ist der Versuch, das „dicke Blut“, das in seinen Adern fließt, zu kontrollieren. Aber das gelingt ihm nicht immer, in schwierigen Situation reagiert er oftmals unbeherrscht und befremdlich. Seine Reaktionen erinnern dann an seinen Vater, in dessen Fußstapfen er jedoch auf keinen Fall treten will.

Auduns Vater ist so ein Mann mit „dickem Blut“ und eine der Vaterfiguren, die man keinem wünscht. Im Alkoholrausch prügelt und demütigt er seine Frau und seine Kinder. Erst nachdem er vor fünf Jahren die Familie verließ, die damals weiter im Norden des Landes lebte, hatte das Grauen ein Ende. Audun kann sich noch genau an die stechend-blauen Augen seines Vaters erinnern, obwohl er ihn all die Jahre nicht mehr gesehen hat. Bis er ihm eines Tages plötzlich auf der Straße gegenübersteht. Sofort geht Audun in Kampfstellung – wie ein Kater, der sich bereitmacht, sein Revier zu verteidigen. Er spürt auf sich den Blick aus den stahlblauen Augen, die niemals blinzeln. Dieser Blick ist das Einzige, wovor Audun wirklich Angst hat.

Per Petterson ist ein renommierter norwegischer Autor, dessen Geschichten meistens von konflikthaften Familienverhältnissen handeln. Nachdem autobiographisch gefärbte Werke wie „Pferde stehlen“, „Im Kielwasser“ und „Ich verfluche den Fluss der Zeit“ – in den beiden Letzteren tritt Auduns bester Freund Arvid Jansen als Hauptfigur auf – vom deutschen Publikum sehr gut angenommen wurden, ist nun auch eines seiner älteren Werke übersetzt worden. „Ist schon in Ordnung“ erschien bereits 1992 in Norwegen und ist nun von Pettersons Übersetzerin Ina Kronberger ins Deutsche übertragen worden. Petterson ist mehrfach preisgekrönt, für „Ist schon in Ordnung“ bekam er den „Spraklig samlings literaturpris“.

Die Lebensverhältnisse des Arbeitermilieus stellt Petterson eingehend dar. Audun, der in diesen Verhältnissen aufwächst, geht vor der Schule noch Zeitungen austragen, um die Haushaltskasse aufzubessern. Petterson beschreibt den Arbeitsalltag in der Druck-Fabrik, in der Audun nach seinem Schulabbruch arbeitet, ungeschminkt und wirklichkeitsnah. Der grobe Umgangston der Arbeiter, ihre illusions- und hoffnungslose Einstellung und der so oft gewählte Ausweg in die Alkoholsucht zeigen eine traurige Lebenswirklichkeit. Sie ist so trostlos, dass man einem Kollegen bei seinem Abstieg teilnahmslos zusieht und Wetten abschließt, wann er aus der Firma fliegt.

Audun erzählt sein Leben in mehreren Episoden, die sich dem Leser erst allmählich zu einem Ganzen zusammenzusetzen. Die Sprünge zwischen den verschiedenen Zeitebenen erzeugen das Gefühl, mehrere Geschichten gleichzeitig zu lesen. Der Roman startet mit der Erinnerung an den ersten Schultag in Veitvet. Dann erst beginnt die Geschichte des achtzehnjährigen Audun, die fortlaufend erzählt wird. Das Gefühl der Gegenwärtigkeit wird jedoch immer wieder durch episodische Einschübe unterbrochen: Audun ist zwölf, als sein angetrunkener Vater ihm Geld schenkt, um es ihm gleich wieder lachend abzunehmen. Beim nächsten Einschub, der Geburt seines Bruders – sein Vater schießt mit der Pistole in die Decke –, ist Audun erst zwei Jahre alt. Die nächste Erinnerung ist der Auszug seiner Schwester aus dem Haus in Veitvet und die Beerdigung seines Bruders, als Audun siebzehn ist. Der Angelausflug, den der zehnjährige Audun und sein Bruder unerlaubt machen und den sein Vater hart bestraft, ist eine weitere Ereignis. In einer Folgeepisode ist Audun wieder dreizehn und haust in einer Hütte aus Pappe, um nicht zuhause sein zu müssen. Dies ist auch das Jahr, in dem der Vater die Familie verlässt und diese nach Veitvet zieht. Der unvermittelt auktorial erzählte Einschub, in dem ein Mann durch den Wald streift und eine Hütte baut, lässt eine weitere schwerwiegende Wendung der Geschichte erahnen. Dass Auduns Vater in einer solchen Hütte ums Leben kommt, ist vielleicht nicht zu erwarten, aber für Audun das einzig glückliche Ende seiner Geschichte. Und es gibt Hoffnung, dass Auduns Leben bald mehr als nur „schon in Ordnung“ ist: „Verdammt, ich bin erst achtzehn“, heißt es zum Schluss. „Ich habe noch viel Zeit.“

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