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Titelbild
Goldberg Sloan, Holly:
Glück ist eine Gleichung mit 7. Manchmal muss man gegen den Strom schwimmen, um anzukommen
Aus dem Englischen von Wieland Freund
München: Hanser 2015
302 Seiten
€ 16,90/ E-Book: € 12,99
Übergangsbuch ab 12 Jahren

Goldberg Sloan, Holly: Glück ist eine Gleichung mit 7. Manchmal muss man gegen den Strom schwimmen, um anzukommen

Willow Chance – Nomen est Omen

von Wilfried Werner & Annika Becks (2016)

„Glück ist eine Gleichung mit 7“ von Holly Goldberg Sloan ist ein bewegender und zugleich humorvoller Roman über das Leben der hochbegabten, zwölfjährigen Willow, die es durch Cleverness und reine Willenskraft schafft, ihr Leben und das ihrer Mitmenschen grundlegend zu verändern.

Willow lebt mit ihren Adoptiveltern in einer Kleinstadt in Kalifornien. Sie hat für ihr Alter eher ungewöhnliche Interessen: Ihre Obsessionen sind medizinische Befunde, Pflanzen und Zahlen. Sie wird immer wieder mit Situationen konfrontiert, die erkennen lassen, dass sie auf ihre Umwelt befremdlich wirkt, und sie sich trotz ihrer intellektuellen Reife im sozialen Gefüge nicht immer zurechtfindet. Willows favorisierte Garderobe besteht aus erdfarbenen Kleidungsstücken, da sie in ihnen am besten die sie umgebene Flora und Fauna beobachten kann, und einem Paar roter Gummistiefel. Am Unterricht beteiligt sich Willow kaum, da sie der Unterrichtsstoff furchtbar langweilt und unterfordert. Eines Tages wird sie dann fälschlicherweise des Betruges in einem Test beschuldigt, in dem sie die volle Punktzahl und somit das landesweit beste Testergebnis erzielt. Sich dieser Ungerechtigkeit bewusst, zeigt sie dennoch keine Ambitionen, den Vorwurf zu entkräften, und wird dem Schulsozialarbeiter Dell Duke überstellt. In einer ihrer Beratungsstunden trifft Willow auf die Geschwister Nguyen und freundet sich mit Mai an, die ihren Bruder zu Dell begleitet. Nach einem gemeinsamen Ausflug von Dell und den Geschwistern Nguyen erfährt Willow, dass ihre Eltern bei einem Autounfall gestorben sind. Für sie bricht eine Welt zusammen: „Ich muss zurückspulen. Ich will zurück. Kommt irgendwer mit?“

„Glück ist eine Gleichung mit 7“ steckt voller Hinweise und Anspielungen, die sich dem Leser aber schnell offenbaren. So setzt sich der Name der Protagonistin ‚Willow Chance’ genau wie die Erzählung aus mehreren Teilen zusammen. Der Vorname ‚Willow’ lässt sich mit ‚Trauerweide‘ oder aus dem keltischen mit ‚die Zauberhafte’ übersetzen und trägt so zur Figurencharakterisierung bei. Willow lebt wie der Baum im Wald unter ihres Gleichen und bleibt trotzdem für sich: sie hat ihre eigenen Interessen und beugt sich nicht gesellschaftlichen Vorstellungen. Das englische Wort ‚Chance’ zu Deutsch die ‚Möglichkeit‘, ‚Gelegenheit‘ oder auch ‚Glück‘, fasst die Entwicklungsgeschichte von Willow und ihren Mitmenschen treffend zusammen. Denn es sind genau die durch Willow geschaffenen Möglichkeiten, die das zukünftige Glück ihrer Mitmenschen ausmachen.

Willows Leidenschaft für Primzahlen, vor allem für die Zahl 7, findet immer wieder Bedeutung. Dies mag vielleicht auch dem Umstand geschuldet sein, dass Willow am siebten Tag des siebten Monats von ihren Eltern adoptiert worden ist, die 257 (denn: 2+5=7!) Meilen bis zu ihrem Geburtsort fahren mussten. Auch Sprache und Kommunikation folgen diesem Prinzip. So schreit Willow, als sie vom Tod ihrer Eltern erfährt, sieben Mal „Nein“. Nach diesem Ereignis hört sie zunächst auf zu zählen und findet erst im Verlauf der Erzählung in ihre analytische, rationale Welt der Zahlen zurück. Einen besonderen Einblick in das Innere von Willow und ihren Mitmenschen, was sie fühlen und wie sie die Welt sehen, erhält der Leser durch zahlreiche Perspektivwechsel. Die Geschichte wird hauptsächlich aus der Perspektive Willows erzählt, wechselt aber zeitweise auf eine personale Erzählinstanz, welche die Perspektive der anderen Figuren wiedergibt.

Der Roman lebt von einer Situationskomik, in der die Überlegenheit der cleveren Protagonistin immer wieder deutlich wird, und ihm dadurch eine gewisse Leichtigkeit und Witz verleiht. Der Fokus liegt hier eben nicht darauf, mitleidig vom Schicksal der Protagonistin zu erzählen, sondern berichtet vom Zauber neuer Freundschaften und einer Reise zu neuem Glück. Exemplarisch hierfür ist der Lebenswandel von Dell Duke. Durch seine Arbeit trägt er die Verantwortung für die ihm überstellten Schüler und ihre Probleme. Er hat in seinem Privatleben jedoch genug eigene Probleme und ist deswegen für seine Arbeit denkbar ungeeignet: Er trinkt zu viel, schläft auf einer Gartenliege, weil man von ihr Flecken einfach abwaschen kann, und kauft sich lieber neue Kleidung als die alte zu waschen. Damit dieses Chaos nicht auch in seiner Arbeitswelt Einzug hält, und ihm nicht unnötig viel Zeit abverlangt, unterteilt er seine Schüler in vier Kategorien: die „Außenseiter“, die „Chaoten“, die „einsamen Wölfe“ und die „Irren“. Doch das System bröckelt, denn Willow ist ein „Genie“. Sie überfordert ihn, ist klüger als er und völlig anders als die anderen Kinder. Dies verleitet ihn dazu, erst seine Arbeitsweise und dann sein gesamtes Leben zu ändern.

„Glück ist eine Gleichung mit 7“ besticht durch eine einzigartige Protagonistin, die es auf ihre Weise versteht, den Verlust ihrer Eltern und die Suche nach neuen Freunden und einer neuen Familie zu bewältigen. Sie zeigt, wie man durch pure Willenskraft und ein bisschen Glück seinem Leben eine positive Wendung gibt.

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