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Jürg Schubiger:
Als der Tod zu uns kam
Illustriert von Rotraut Susanne Berner
Wuppertal: Peter Hammer 2011
16 ungez. Bll.
€ 13,90
Ab 5 Jahren
Bilderbuch

Schubiger, Jürg (Text) und Rotraut Susanne Berner (Illustration): Als der Tod zu uns kam

Ein Fremder auf unserer Schwelle

von Sarah Hartkens (2011)

Ehrlich, düster, aufgeschlossen, verstörend – ein Bilderbuch für Kinder, das selbst beim Erwachsenen gemischte Gefühle hervorruft. Man stelle sich eine heile Welt vor, wie sie vielen Erwachsenen aus Kindertagen bekannt ist. Ein schöner Sommertag in einer Kleinstadt, alles ist so, wie es immer war, nichts trübt diese Wahrnehmung. So beginnt in Jürg Schubigers und Rotraud Susanne Berners Bilderbuch „Als der Tod zu uns kam“ die Erzählung aus der Retrospektive und vergegenwärtigt einen Zustand vor einem bedeutsamen Ereignis.

Es ist Abend und ein Fremder kommt die Straße entlang. Sein Äußeres ist ganz anders als das der Stadtbewohner. Er stolpert unmittelbar vor dem Haus, in dem die Erzählerin, ihr Bruder und ihre Eltern wohnen. Daher ist es ihre Türschwelle, auf die sich der Verletzte setzt, um seinen Fuß zu untersuchen. Es dämmert bereits und der Fremde, der nun als „der Tod“ benannt wird, übernachtet bei der Familie. Schlafen kann er nicht, also vertreibt er sich die Zeit und raucht. Plötzlich steht das Haus in Flammen, eine gewaltige Explosion erschüttert das beschauliche Leben der Familie. Am folgenden Morgen wird das Unglück jener Nacht sichtbar. Nun zeigt sich, was der Tod mit sich bringt: Alles ist niedergebrannt und der kleine Bruder liegt leblos mit rußverschmiertem Gesicht auf dem Boden. Der Tod weiß keine rechte Antwort, wo das Leben des Jungen hingekommen ist. Betroffen stellt er fest, dass ihm so etwas immer wieder passiere. Um der Familie zu helfen, zimmert er eine kleine Kiste als Sarg. Nun kann der Bruder des Mädchens beerdigt werden.

Der Tod erholt sich und bemerkt, dass es an der Zeit ist, weiterzureisen. Die Spuren der Veränderung in der kleinen Stadt werden nun sichtbar: Jetzt gibt es ein Krankenhaus in der Stadt, Brunnen sind vergittert, Fenster, Türen und Zäune sichern die Häuser, Gefahrenschilder warnen und Tiere, die zuvor friedlich nebeneinander lebten, jagen einander. Die Stadtbewohner stehen nun nah zusammen, im Hintergrund ist das Grab des Bruders zu sehen.

Die Sprache, die Jürg Schubiger in den Texten des Buches „Als der Tod zu uns kam“ gebraucht, ist kindlich, klar und einfach. Dabei verzichtet er auf Ausschmückungen. Die Erzählung verläuft relativ nüchtern beschreibend und linear, ohne jedoch Feinfühligkeit und Sensibilität vermissen zu lassen. Die Bilder von Rotraut Susanne Berner sind gefühlsbetonter und stellen dar, was auf sprachlicher Ebene nicht formuliert wird. Gemeinsam schaffen Bild und Text eine Gleichzeitigkeit zwischen der kindlich naiven, der schönen Welt und der Welt mit ihren grausamen Anteilen, die es noch zu erkennen gilt.

Eingebettet ist die Geschichte in eine Art Rahmendarstellung: Das einführende und das abschließende Bild sind im Gegensatz zu den übrigen Zeichnungen durch eine vereinzelte Darstellung vor weißem Hintergrund herausgestellt. Diese Gestaltung kontrastiert stark mit der alles verändernden wuchtigen Hausexplosion, dem Wendepunkt der Geschichte. Eingangs sind die Erzählerin und ihr kleiner Bruder zu sehen. Beider Blick ist indifferent, eine Wildrose steht in voller Blüte über ihren Köpfen. Das letzte Bild ist ähnlich gestaltet, doch die Ausgangssituation hat sich verändert: Zu sehen ist wieder das Mädchen, doch diesmal ohne ihren Bruder. Sie hält dessen Teddy im Arm, auf ihren Lippen lässt sich ein wissendes Lächeln erahnen. Die am Anfang des Buches noch blühende Wildrose hat Frucht getragen und ist zur Hagebutte geworden. Die Bilder, die sich auf die Ereignisse der Erzählung beziehen, weisen wiederum eine charakteristische horizontale Dreiteilung der Bildebene auf und zeigen in jeweils charakteristischer Farbgebung Himmel, Lebenswelt und Erde. Der Thematik entsprechend sind die Anordnungen in satten, dunkel-bunten Farben gehalten. Wer den Zeichenstil von Rotraut Susanne Berner kennt, wird ihn auch in diesem Werk wiederfinden. Ganz untypisch für die Künstlerin sind jedoch die gebrochenen perspektivischen Darstellungen, die Größenverhältnisse sind dementsprechend unrealistisch und betonen Einzelheiten des Geschehens auf ihre Weise.

Viele symbolische Darstellungen verweisen in dieser Erzählung auf das Thema: der Tod als Fremder, der die heile Welt betritt, das plötzliche Stolpern vor einer Tür, das Sitzen auf der Schwelle, sein Ächzen. Der Tod als ein Wesen, das nie schläft und sich die Zeit mit Rauchen verkürzt. Er ist ein graues Wesen, begleitet von düsteren Wolken, die sich mit heraufziehendem Unheil verdichten. In Form seiner menschlichen Gestalt bietet der Tod dem kindlichen Leser eine Identifikationgrundlage und ermöglicht kommunikative Bezugnahme und emotionale Auseinandersetzung. Die Darstellung als ein graues staubiges Wesen wirkt dabei nicht unheimlich oder gar Angst einflößend. Mit seinem hellgrünen Pullover, dem weiß gepunkteten roten Kopftuch und dem kleinen roten Täschchen übt er auf den Betrachter eine gewisse Anziehung aus. Trotz eingefallener Gesichtszüge zeichnen sich in seiner Mimik freundliche Wesenszüge und Mitgefühl ab.

Der Tod ist die einzige Gestalt in der Erzählung, die namentlich benannt wird und vielschichtig dargestellt ist, wodurch seine Präsenz hervorgehoben wird. Dies geschieht auf eine Weise, die ‚Tod‘ nicht als Abstraktum, sondern als ein Wesen betont. Alle anderen Figuren bleiben namenlos und gestatten dem Rezipienten stellvertretend Raum zur Eigenidentifikation. Psychologisch entlastend ist der durchgängige Gebrauch des Plurals. Dies betont nicht das Schicksal der konkreten Erzählerin, sondern kennzeichnet den Zusammenhalt der Bewohner und ihre gemeinsame Betroffenheit.

Die bildliche Gestaltung insgesamt greift die Systematik des 'Vorher' und des 'Nachher' der Erzählung in Bezug auf den Tod des Bruders auf. Wiederkehrende Darstellungen mit entsprechend veränderten Elementen kennzeichnen den zeitlichen Ablauf. Dieser Chronologie kann das Kind als Betrachter Geschehnisse gut zuordnen, Bilder können verglichen und Veränderungen entdeckt werden. Symbolische Elemente wie die Wolken verbildlichen den emotionalen Prozess. Sie nehmen im Laufe der Erzählung zu und ergießen sich in einem Dauerregen zum Zeitpunkt der Beerdigung. Und auch als der Tod sich verabschiedet und die Wolken wieder aufhellen, hinterlässt er einen Schatten bei den Stadtbewohnern in Form eines dunklen Flecks zu ihren Füßen.

Jürg Schubiger und Rotraut Susanne Berner haben in ihrer Kooperation den Versuch gewagt, Kindern mit dem Thema Tod auf ehrliche Weise zu begegnen. Ihr Werk ist in einer Reihe jüngster Veröffentlichungen wie „Papas Arme sind ein Boot“ von Erik Stein Lunde und Øywind Torseter, „Der Besuch vom kleinen Tod“ von Kitty Crowther und „Die Königin & ich“ von Udo Weigelt und Cornelia Haas zu nennen. Ihnen allen gemein ist die Thematisierung von Verlust und Trauer im Bilderbuch. Vielleicht birgt gerade die Unbefangenheit eines Kindes die Chance, sich dem Thema Tod auf natürliche Weise zu nähern und ihn als einen Teil des Lebens anzunehmen. Diesem Zugang kann das Buch „Als der Tod zu uns kam“ durchaus gerecht werden, da es eine dem Kind zugängliche Geschichte erzählt und dabei Raum für Auseinandersetzung bietet.

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