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Titelbild
Jacques Couvillon:
Chicken Dance. Roman
Aus dem Amerikanischen von André Mumot
Berlin: Bloomsbury 2011
335 Seiten
€ 16,90
Ab 14 Jahren
Jugendbuch

Couvillon, Jacques: Chicken Dance

Von normalen Hühnern und verrückten Menschen

von Pia Schüler und Marielle Schlunke (2011)

Wer weiß schon, dass Hühner tanzen und fliegen können? Don weiß es!

Don ist elf Jahre alt und lebt mit seinen Eltern auf einer Hühnerfarm in Horse Island – einem für seine Hühnerzucht berühmten, amerikanischen Städtchen in den 1970er Jahren. Die Farm haben sie von einem verstorbenen Onkel geerbt mit der Bedingung, zehn Jahre lang stetig 25 Hühner zu halten. Erst dann geht die Farm in Familienbesitz über. Während Dons Mutter, die eigentlich mal Tänzerin werden wollte, die Hühner als „gefiederten Fluch“ bezeichnet, liebt Don seine Hühner über alles. Sie sind ihm gute Freunde, denn sie hören ihm zu und bringen ihn zum Lachen.

Das Zusammenleben mit seiner extrem egozentrischen Mutter, seinem stillen Vater und der starken Präsenz seiner angeblich an Scharlach gestorbenen Schwester Dawn haben ihn zu einem ruhigen Jungen gemacht, der nur den Mund aufmacht, wenn man ihn etwas fragt. Auch in der Schule ist Don ein einsamer stiller Außenseiter und alle nennen ihn nur den „Neuen“, obwohl er schon fast sein ganzes Leben in Horse Island lebt.

Als beim alljährlichen großen Hühnerwissenswettbewerb erstmals Elfjährige teilnehmen dürfen, nutzt Don seine Chance und gewinnt den Wettbewerb, wodurch sich sein Leben schlagartig ändert. Danach ist nichts mehr wie zuvor: Als jüngster Sieger aller Zeiten wird der Junge von einem Tag auf den anderen berühmt. Auf einmal wollen alle Leute im Dorf die Eier von Dons Hühnern kaufen und alle Kinder in der Schule wollen mit ihm befreundet sein - sogar der coole Leon, der ihn bisher immer nur geärgert hat. Auch Dons Mutter nimmt ihn allmählich wahr.

Alles wird noch verrückter, als Don eine mysteriöse Geburtsurkunde findet, auf der zwar sein Geburtsdatum steht, aber der Name „Stanley“. Hat er etwa einen verschwundenen Zwillingsbruder? Don, der sich über einen wiedergefundenen Bruder riesig freuen würde, spinnt sich seine eigene Geschichte zusammen. Als er dann auch noch ein Telefongespräch seiner Eltern mit einem Privatdetektiv belauscht, kommt ihm der Verdacht, dass seine Schwester Dawn vielleicht doch nicht tot ist. So muss er bald feststellen, dass hinter alldem eine Menge ungeahnter Lügen und Konflikte stecken - und ein großes Familiengeheimnis. Don setzt alles daran, dieses Geheimnis zu entschlüsseln und macht sich auf eine mutige Suche nach seiner Schwester, auf der er mehr findet, als er sich jemals erträumt hat.

Taucht man in die Welt des Jugendromans „Chicken Dance“ ein, fühlt man sich in eine Sitcom versetzt. Don lebt mit seinen Eltern in einer typischen Kleinstadt im Süden der USA. Hier gilt eine erfolgreiche Hühnerzucht als wichtigstes Statussymbol. In einer Rückwendung erzählt der Ich-Erzähler Don den Teil seiner Geschichte, der zumindest kurzzeitig sein Leben verändert hat – und trotz der rückblickenden Erzählweise gelingt dem Jungen kein reflektierter Blick auf die für ihn ja bereits vergangenen Geschehnisse. Sein Erleben bleibt stets merkwürdig eingeschränkt, unkommentiert und ohne Reflexion der Geschehnisse.

Als Leser befindet man sich in einem Wechselspiel von Nähe und Distanz zum erzählten Geschehen. Einerseits fühlt man sich den Gedanken und Gefühlen des Jungen ganz nah, während er mit den ganzen Veränderungen umzugehen versucht. Andererseits wird eine Identifikation mit Don durch sein teils sehr naives Verhalten und seine fehlende Lebenserfahrung erschwert. Obwohl er eigentlich ein schlauer und gutmütiger Bursche ist, sind seine Handlungen von kindlicher Arglosigkeit und Unsicherheit geprägt. Das ist kein Wunder, wenn man die anderen Hauptfiguren auf der Bühne von „Chicken Dance“ näher betrachtet.

Dons Eltern leben hier das Klischeebild einer verkorksten kleinbürgerlichen Ehe. Wenn sie nicht gerade mit der fröhlichen Musik einer Fernsehsendung im Hintergrund lauthals streiten, schwelgen sie in Erinnerungen an ihre Tochter Dawn und trauern um verpasste Chancen und Lebensträume. Besonders Dons Mutter ist eine merkwürdige Person, die mit ihren Ticks und Neurosen einen großen Einfluss auf ihren Sohn, ihre Familie und die ganze Geschichte hat. Während ihr Mann deutlich unter dem Pantoffel steht, hat sie statt für Don nur Augen für Haare, Fingernägel und ihren Ruf in der Kleinstadt.

Beide Elternteile nehmen Don nicht wahr und vernachlässigen ihn auf bizarre Weise. So vergessen sie beispielsweise gleich zweimal in der Geschichte seinen Geburtstag, während der arme Kerl auf den Fotos seiner älteren Schwester sieht, wie eine tolle Feier tatsächlich ablaufen könnte.

Don sehnt sich nach Liebe und Anerkennung, die Dawn zuhauf erhielt und auch jetzt noch mehr bekommt, als er jemals erfahren hat. Dabei ist er stets bemüht, es seiner Mutter recht zu machen, und besucht etwa auf ihren Wunsch hin einen Tanzkurs, obwohl er anfangs gar nicht begeistert ist. Aber nur so kann er etwas Nähe zu ihr aufbauen. Einziger Halt für Don sind die Hühner, die in seiner Einsamkeit nicht nur Freunde und Zuhörer sind, sondern auch im gesamten Verlauf eine wichtige Rolle spielen. Wie die Hühner schlüpft auch der Leser, der von dem Erzähler häufig direkt angesprochen wird, in die Rolle des Zuhörers und nimmt an Dons Gefühlen und Gedanken teil.

Don lebt in einer bedrückenden Familiensituation, die er nicht so wirklich begreift und als völlig normal betrachtet. Sein Leben ist durch Lieblosigkeit, Schweigen, Heimlichkeiten und Streit geprägt, dennoch ist irgendwie stets ein positiver Aspekt in seinen Gedanken und Handlungen zu erkennen. Diese wiederum zeugen von seiner kärglichen Welt- und Lebenserfahrung, besonders im Umgang mit Menschen – egal ob er merkwürdige Verhaltensweisen oder Redewendungen, die er nicht versteht, mit einer arglos kindlichen Weltsicht zu erklären oder sie mit Hühnern zu vergleichen versucht. Manchmal muss auch der Vergleich zu Serien seiner Zeit herhalten, die er abendlich, mit dem Fertiggericht auf dem Schoß, schweigend mit seinen Eltern schaut. Manchmal stellt er auch Bezüge zu seiner Lieblingsband „KC-Sunshine“ her, einer US-amerikanischen Discoband, die an einigen Stellen die musikalische Untermalung von Dons Stimmung in dieser literarischen Sitcom liefert. Eine Vielzahl von Themen wie Freundschaft, Familie, Schuld und Einsamkeit wird hier aufgegriffen. Doch trotz dieser ernsten Thematik ist „Chicken Dance" eine Geschichte, die mit einer humorvollen Auseinandersetzung auf stark überzeichneten, skurrilen Charakteren und Situationen aufbaut. Man weiß jedoch nie, ob man bei der Abfolge von Gags und sarkastischen Momenten lachen oder weinen soll.

Mit seinem Debütroman ist Jacques Couvillon eine kluge Geschichte mit überraschenden Wendungen gelungen, bei der er die Balance zwischen Komik und Ernsthaftigkeit hält und offenlegt, dass Menschen sich oftmals verrückter verhalten als so manches Huhn.

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