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Charlotte Rogan:
In einem Boot. Roman
Aus dem Amerikanischen von Alexandra Ernst
Bindlach: Script 5 (Loewe) 2013
334 Seiten
€ 18,95; Kindle Edition: € 14,99
Junge Erwachsene ab 16

 

Rogan, Charlotte: In einem Boot. Roman

Eine Seefahrt, die ist tödlich

von Lisa Bernard (2014)


Ein überfülltes Rettungsboot. Starker Seegang. Nicht ausreichend Lebensmittel. Was nach einem Horrorszenario klingt, wird für 39 Schiffsbrüchige schreckliche Realität.

1914. Die politische Lage in Europa spitzt sich zu, alle Zeichen stehen auf Krieg. Doch das interessiert die frischverheiratete Grace Winter , die sich mit ihrem Ehemann an Bord des Passagierschiffes „Zarin Alexandra“ befindet, reichlich wenig. Zwei Jahre ist es her, dass die „Titanic“ versank und etwa 1500 Seelen in den Tod riss. Als es auf der „Zarin Alexandra“ zu einer Detonation kommt, scheint sich diese noch sehr präsente Tragödie zu wiederholen. Gemeinsam mit rund 35 weiteren Frauen, einigen wenigen Männern und dem Crewmitglied Mr Hardie teilt sich die Protagonistin Grace, die nichts über den Verbleib ihres Mannes Henry weiß, ein viel zu kleines Rettungsboot. Dort kommt es bald zum Kampf der Geschlechter, der Gesellschaftsklassen – und vor allem zum Kampf um Leben und Tod.

Der erfahrende Seemann Mr Hardie reißt das Kommando an Bord des Rettungsbootes an sich. Ein mysteriöses Päckchen, das er bei sich trägt, sorgt jedoch für Unmut unter den Schiffsbrüchigen: Hat Graces reicher Ehemann ihr etwa ein Platz auf dem Rettungsboot erkauft?

Während die Insassen des Rettungsbootes während der ersten Tage noch verhältnismäßig frohen Mutes sind, zeitnah gerettet zu werden, spitzt sich die Lage unvermerkt zu und gipfelt schließlich im dramatischen Höhepunkt. Als den verzweifelten Passagieren das Ausmaß und der Ernst ihrer Lage klar wird, beginnt ein Wettkampf gegen die Zeit, ein Wettkampf, in dem sich Moral und Überlebenswille gegenüberstehen. Sollen einzelne Personen geopfert werden, damit der Großteil vielleicht gerettet werden kann? Auch der undurchsichtige Mr Hardie steht bald auf der Abschussliste.

„In einem Boot“ erzählt aus der Ich-Perspektive der 22-jährigen Grace vom Untergang der „Zarin Alexandra“. Obgleich man aufgrund der gewählten Perspektive tief in Graces Gedankenwelt und ihre Psyche eintaucht, fällt die Identifikation mit der Protagonistin schwer. Aus heutiger Sicht wirkt sie oft unsympathisch und nachgerade durchtrieben. Da Grace, die das schöne Leben liebt und Ansprüche stellt, aus einer verarmten Adelsfamilie stammt, hat sie den begüterten Henry so weit manipuliert, dass dieser sie schließlich zur Frau genommen hat. Dass sie im Verlauf der Zeit zu ihrem Gatten ein durchaus liebevolles Verhältnis entwickelt, lässt ihr anfängliches Handeln umso berechnender erscheinen. Gleichwohl handelt sie den Konventionen ihrer Gesellschaftsschicht entsprechend, und dass sie als unversorgte adelige Dame eine auskömmliche Versorgungsehe anstrebt, um ihrer prekären Situation zu entfliehen, ist in der Zeit nicht unüblich.

Die fehlende Identifikation bewirkt allerdings keinesfalls, dass man sich schlecht in die Geschichte hineindenken kann. Das liegt einerseits daran, dass die Figuren psychologisch gut bedacht herausgearbeitet sind, auch wenn etliche von ihnen nicht mit Namen eingeführt werden, andererseits aber auch daran, dass die geschaffene Distanz es dem Leser erlaubt, über die Charaktere zu reflektieren, ihr Handeln zu beurteilen und letztlich auf sich selbst zu projizieren: Wie weit würde ich gehen, um mein Leben zu retten?

Das Buch ist in vier Teile gegliedert. Vorweg wird der Erzählung im Prolog ein Rahmen gegeben. Dieser spielt zeitlich nach der Rettung der Schiffbrüchigen und handelt von Grace, die unter Mordanklage steht. So weiß der Leser bereits zu Beginn der Geschichte, dass sie das Unglück überlebt. Dieses scheinbare Happy End wird jedoch von der anstehenden Gerichtsverhandlung überschattet. Grace bekommt von ihren Anwälten den Auftrag, die Geschehnisse auf dem Rettungsboot in einem Tagebuch aufzuschreiben, welches als ‚Entlastungsmaterial‘ dienen soll. Der Leser erfährt, dass die in „In einem Boot“ erzählte Geschichte mit dem von Grace nachträglich verfassten Tagebuch identisch ist. Dies wirft natürlich die Frage auf, wie ehrlich und genau Graces Ausführungen sind. Konstruiert sie vielleicht ein positiveres Bild von sich selbst, um einer Haftstrafe zu entgehen? Ist ihrem Gedächtnis wirklich zu trauen oder hat sie in der dramatischen Anspannung der Tage Motive und Handlungsweisen unter Umständen falsch gedeutet, die Ordnung der Dinge vielleicht unabsichtlich durcheinandergebracht, wichtige Details unbewusst verdrängt oder gar gewollt vergessen?

In den Teilen eins bis drei lässt Rogan ihre Protagonistin Grace die Erlebnisse auf dem Rettungsboot schildern. Unter anderem wird hier deutlich, dass der Tod Mr Hardies der Grund für die Mordanklage gegen Grace ist. Immer wieder werden Rückblicke eingeschoben, bei denen der Leser mehr über Grace und den Weg, der sie auf die „Zarin Alexandra“ verschlug, erfährt. So sind die verschiedenen Zeitebenen kompositorisch geschickt in eine Abhängigkeit zueinander gebracht.

Ob Grace letztlich verurteilt wird oder nicht, wird im vierten Teil des Buches aufgedeckt. Entscheidend ist dabei allerdings weniger die juristische Entscheidung, die in der Geschichte gefällt wird, als vielmehr das Urteil, das sich der Leser selbst bildet.

„In einem Boot“ ist Charlotte Rogans Debütroman. Er hat es direkt auf die Bestsellerliste der New York Times geschafft. Ist die Originalausgabe an ein allgemeines Publikum adressiert, wendet sich die von Alexandra Ernst besorgte deutsche Übersetzung – sie ist bei „script 5“, einem Imprint des Loewe-Verlags, erschienen – an junge Erwachsene. Bei dem Roman handelt sich um ein umfangreicheres Buch, in dem die Autorin ihren Sprachstil dem historischen Kontext der Geschichte anpasst und stellenweise mit langen Sätzen arbeitet. Die Lektüre sei daher vor allem bereits geübteren Lesern empfohlen, zumal politische und historische Anspielungen eine gewisse Allgemeinbildung und Weltwissen verlangen, um diese in ihrer Komplexität entschlüsseln und einordnen zu können. Die eigentliche, spannungsreich erzählte Geschichte rund um den Schiffsbruch kann jedoch auch ohne dieses Hintergrundwissen verstanden werden.

Rogan hat ein Buch geschrieben, das einerseits ein Abbild der Gesellschaft und geltenden Konventionen von vor hundert Jahren zeichnet und andererseits philosophische Themen behandelt und existenzielle Fragen stellt. Diese mit psychologischer Raffinesse konstruierten Fragen sind es, die stets im Fokus stehen und die die reizvolle Dramatik des Buches ausmachen.

Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass Charlotte Rogan einen vielschichtigen und spannenden Roman geschrieben hat, der zugleich zum Nachdenken anregt, erschreckt, bestürzt und fesselt. „In einem Boot“ lässt in die Abgründe der menschlichen Psyche blicken, in denen sich der Leser, ob er es sich eingestehen mag oder nicht, auch manchmal selbst wiederfindet.

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