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Morpurgo, Michael:
Warten auf Anya
Aus dem Englischen von Klaus Fritz
Hamburg: Carlsen 2009
172 Seiten
€ 12,90
Ab 12 Jahren

Morpurgo, Michael: Warten auf Anya

Über Grenzen schreiten

von Lydia Peters und Gabriele Munkelt (2009)

Frankreich, in den letzten Jahren des Zweiten Weltkrieges: In Lescun, einem kleinen französischen Dorf nahe der spanischen Grenze scheint der Krieg noch nicht angekommen zu sein.

Hier lebt der zwölfjährige Jo mit seiner Familie. Bis sein Vater aus deutscher Gefangenschaft entlassen wird, kümmert er sich gemeinsam mit seinem Großvater um den Hof der Familie. Häufig verbringt Jo seine Zeit mit dem Hüten der Schafe, am liebsten beobachtet er jedoch die Adler in den Bergen. Dort begegnet er eines Tages einem geheimnisvollen Fremden. Neugierig folgt Jo diesem und entdeckt, dass der Mann der Schwiegersohn der verschrobenen Witwe Horcada ist. Diese führt auf ihrem vom Dorf abgelegenen Hof ein Einsiedlerdasein. Der Mann heißt Benjamin, ist Jude und wartet bei der Witwe verzweifelt auf seine Tochter Anya, von der er bei einem Bombenangriff getrennt wurde. Mit seiner Schwiegermutter versteckt er jüdische Kinder, um ihnen zur Flucht nach Spanien zu verhelfen. Jo bewahrt dieses Geheimnis für sich. Als auch Lescun von den Deutschen besetzt wird, verstrickt er sich immer tiefer in die Geschichte. Er bringt der Witwe Lebensmittel aus dem Dorfladen und warnt sie vor einer Hausdurchsuchung. Dabei begibt er sich selbst in große Gefahr: Fluchthilfe wird von den Deutschen mit dem Tod bestraft. Das Verstecken der Kinder gestaltet sich immer schwieriger und wird zum Wettlauf gegen die Zeit. Jetzt können nur die Unterstützung aller Dorfbewohner und ein fast irrsinniger Plan Rettung bringen …

Durch die Ankunft der Deutschen gewinnt die Handlung des Buches an Spannung. Das Leben der Dorfbewohner verliert an Sorglosigkeit und wird von nun an von den Besatzern bestimmt. Sie verhängen eine Ausgangssperre, sammeln alle Waffen ein und senden Patrouillen zur Bewachung der Grenze aus. Auch Jo wird jetzt klar, „dass der Krieg nun doch in sein Tal“ gekommen ist.

Die Stimmung gegenüber den Deutschen ist zunächst von Misstrauen und Feindseligkeit geprägt. Doch mit der Zeit arrangieren sich die beiden Parteien, und es finden sogar Annäherungen statt. Selbst Jos Großvater, der ein tiefes Misstrauen gegen die Deutschen hegt, schwelgt mit den Soldaten in Erinnerungen an den Ersten Weltkrieg. Die Annäherungen bleiben jedoch oberflächlich, denn die Dorfbewohner realisieren zum Beispiel durch die Durchsuchung ihrer Häuser, „dass die Soldaten, so harmlos sie scheinen, immer noch der Feind“ sind „und sich auch so verhalten würden, wenn sie den Befehl erhielten.“

In Michael Morpurgos Buch geht es um Zivilcourage. Ohne Rücksicht auf seine eigene Sicherheit handelt Jo einfach und tut, was getan werden muss. Dabei wird der sonst so unauffällige Junge vor allem von seinem Mitgefühl angetrieben. Das Problematische seiner Situation ist ihm dabei zunächst gar nicht bewusst. Als sein Großvater die Gefahr beschreibt, in die er sich gebracht hat, bekommt Jo „mit einem Mal Angst“. „Er selbst hatte sich nie richtig klar gemacht, was er tat. Es war einfach passiert.“ Morpurgo präsentiert keine strahlenden Helden, sondern Menschen, die sich über Angst und Zweifel hinwegsetzen und gemeinsam Menschenleben retten.

Der Autor rückt den einzelnen Menschen in den Vordergrund und macht die Umstände seines Handelns begreiflich. Keine der Figuren wird ausschließlich als gut oder böse dargestellt. So erlebt Jo in dem Unteroffizier Wilhelm einen Menschen, den viel mit ihm verbindet, der durch den Krieg auch schweres Leid erfährt und sein Tun als deutscher Soldat in Frage stellt. Auf der anderen Seite ist Benjamins Handeln nicht so selbstlos, wie es scheint, kompensiert er doch durch sein zupackendes Wagen seine Schuldgefühle über den Verlust seiner Tochter.

Morpurgo schafft es eindrucksvoll, eine Balance zwischen Schrecken und Hoffnung zu schaffen. Er macht begreifbar, dass Menschlichkeit keine Sache von Nationalität und Religionszugehörigkeit ist und dass es von Feindschaft zu Freundschaft oft nur ein kleiner Schritt ist. Knapp zwanzig Jahre nach seinem Erscheinen wurde das Buch „Warten auf Anya“ nun vom Englischen ins Deutsche übersetzt. Der bildhafte Schreibstil, die fast greifbare Lebendigkeit der Figuren und die wiederkehrenden Motive ergeben eine Geschichte, die den Leser in ihren Bann zieht.

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