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Schwindt, Peter: Borderland

Ein Spiegelbild des Unbewussten

von Lisa Rüprich, Melanie Killert und Lisa Drehsen (2018)
 

„Zeit heilt nicht alle Wunden. Überhaupt nicht. Man lernt vielleicht, mit ihnen zu leben. Aber das war es auch schon. Jane hatte recht. Man war mehr als nur die Summe seiner Verluste. Doch die Verletzungen, die von ihnen geschlagen werden, heilen manchmal nicht.“

Peter Schwindt erzählt in „Borderland“ von dem sechzehnjährigen Vincent und dessen Reise zurück ins Leben. Nach dem plötzlichen Tod des Vaters und der darauffolgenden Depression der Mutter verliert auch Vincent den Boden unter den Füßen. Auf dem Weg, seine Lebensfreude wiederzuerlangen, helfen ihm Jane und Vida. Dabei lösen die doch nahezu gegensätzlichen Mädchen unterschiedliche Gefühle in ihm aus und helfen ihm damit, sein Leben aus verschiedenen Perspektiven zu betrachten. Diese neuen Sichtweisen lassen Vincent wachsen und stärken ihn in seinem Handeln.

Schwindt, der bisher Science-Fantasy-Romane geschrieben hat, balanciert in „Borderland“ gekonnt auf der Grenze zwischen Realität und ,Zwischenwelt‘, Verzweiflung und inneren Lebenskräften, und schenkt der Leser*in damit Raum für eigene Überlegungen. Vor allem seine bildhaften und symbolischen Darstellungen unterstützen diese Imaginationen. Dennoch bieten die Thematisierung des Erwachsenwerdens und der Bewältigung von schweren Lebensphasen einen realitätsnahen Bezug.

Durch die leicht zugängliche, jugendliche Sprache lässt sich der Roman angenehm lesen, wobei einige Kapitel allerdings etwas langwierig wirken. Andererseits liegt ein spannendes Moment des Romans in der Fokussierung auf sinnliche Wahrnehmungen, denen Schwindt durch eine interessante Symbolik Ausdruck verleiht. Auch die Figurenkonzeption regt zum Nachdenken an: Mehrere Figuren bilden auf spannende und mitunter verschleierte Art und Weise ein für den höchst subjektiven Ich-Erzähler Vincent derzeit wichtiges Thema ab, wodurch zuletzt die Frage bleibt, in welcher ‚Welt‘ diese Figuren eigentlich existieren.

Insgesamt fehlt dem Roman auf dem ersten Blick an einigen Stellen die Tiefgründigkeit, da Schwindt viele wichtige Themen eingebaut, sie zunächst aber nicht ausgeführt hat. Doch bei einer intensiveren Auseinandersetzung bietet besonders das Verschwimmen der ‚Welten‘ in „Borderland“ der Leser*in eine originelle Umsetzung der Verarbeitung von Schicksalsschlägen und dadurch einen Jugendroman, der zunächst typisch erscheint – auf den zweiten Blick aber nicht ist.

Leseprobe „Borderland“

„Der Geruch! Der Geruch, den sie an sich hatte! Sommer und Gras und Licht! Tauben, die huhuten. Propellerflugzeuge an einem blauen Himmel. Erdbeeren und Kirschen und Milchreis. Eine ganze Kaskade vergessener Erinnerungen stieg in mir auf, und das war so schmerzhaft, dass ich nicht anders konnte: Es kitzelte in meinem Hals, und der Teil von mir, der mich die ganze Zeit von außen betrachtete, stellte mit Erstaunen fest, dass ich zu weinen begann. Kein haltloses Schluchzen, wie es vielleicht angebracht war. Eher wir ein Heraussickern ungesunder Gefühle aus einer schlecht verheilten Wunde. Das Ganze hatte nichts Reinigendes, nichts Erleichterndes. Es war einfach nur der Schmerz, der endlich einen Weg gefunden hatte, meine Aufmerksamkeit zu erlangen. Ich mochte ihn nicht. Er war mir fremd. Irgendwie waren es nicht meine Gefühle, die mir da auf die Füße traten“. (S. 28)