Bach, Tamara: Mausmeer
Was hast du nur vor? EINEN AUSFLUG WOLLTE ICH MACHEN! MIT MEINER SCHWESTER!“ Ben, der jüngere Bruder, initiiert einen Ausflug zum Haus des verstorbenen Großvaters, um seiner Schwester Annika seinen Schulabbruch zu beichten. Sein Wunsch: Ein letztes Mal unbeschwert Zeit mit seiner Schwester verbringen. In dem Haus des Großvaters war für Ben immer alles gut – „‚Also können wir einfach bleiben dieses Wochenende? Du und ich? Wie damals? Ein allerallerletztes Mal?“ Doch diese Sehnsucht nach dem Damals verspürt zunächst nur Ben; es macht sich Unentschlossenheit bei den Geschwistern breit – nie sind sie sich einig. Warum sollten die beiden bleiben? Aber warum sollten sie überhaupt zurück nach Hause fahren? „Und die Schlüssel sind weg. Und ich steh da und denke: Jetzt sind die Schlüssel weg.“ Somit wird ihnen vorerst die Möglichkeit genommen, die Heimreise anzutreten. Das bedeutet: noch mehr Zeit für Ben, noch mehr Zeitdruck für Annika. Und immer noch hat Ben nichts gesagt. Durch ihre sensible Wortwahl gelingt es Tamara Bach, das Gefühlschaos der Jugendlichen abzubilden. Wenn sie Annika sagen lässt: „Das Ganze hier eine einzige Allegorie“, meint dies auch den Roman selbst. Er ist eine Allegorie auf die Adoleszenz, an deren Ende die Gesellschaft Häkchen im Lebenslauf erwartet. Aber Ben hat sich gegen eins dieser Häkchen entschieden. Ein hohes Maß an innerer Handlung lässt die Leser*in das Geschehen aus den Blickwinkeln beider Geschwister miterleben: Mal ist man nahe bei Ben, mal bei Annika, und nicht selten weiß man nicht sofort, wer gerade spricht, denkt und fühlt. Dies scheint aber auch nicht immer wichtig zu sein, und nicht nur das ‚Wer?‘, sondern auch das ‚Was?‘ wirft mitunter die Frage auf, worum es denn eigentlich geht? „Was hast du nur vor?“ Die unzähligen „Was hast Du nur vor?“ kumulieren schließlich in diesem einen Gedanken: „Ja, hab ich gedacht, so was wie Hunger.“ Es ist Bens Sehnsucht nach einer Zeit, in der alles gut war, die immer wieder zum Vorschein kommt, in der aber auch immer Angst mitschwingt, Angst von der Reaktion der Schwester, die akribisch, wenn auch nicht immer glücklich, alle Häkchen zu setzen versucht. Tamara Bachs jüngster Roman „Mausmeer“ besticht wie seine Vorgänger durch eine geringe Seitenzahl, eine Erzählung, in der es vor allem um das Innenleben der Figuren und nicht das äußere Geschehen geht. In der schon bald typischen Bachschen Manier spielt sie auch hier mit der Sprache („Ich feuere den Ofen an (Ofen! Ofen! Ofen!)“), schreibt in zumeist kurzen Sätzen über Zwei, die sich gar nicht so unähnlich sind, auch wenn sie sich selbst immer wieder wundern: „Warum sind wir nur so.“ Und so gilt es für die Leser*innen, 144 Seiten lang auszuhalten, dass Ben seiner Schwester endlich erzählt, was geschehen ist, es gilt auszuhalten, dass eigentlich kaum etwas passiert, und dabei gleichzeitig doch jede Menge. Und so ist auch die Altersempfehlung von vierzehn Jahren ein Kann, aber kein Muss: Mancher Adoleszente*r vermag sich im Aushalten verstanden fühlen, für andere hingegen genügt das Aushalten der eigenen Entwicklung.
Sehnsucht
von Lina Fleskes, Marei Gatzke, Helen van den Berg, Sina Wilms (2018) „Hab sie gelockt mit Essen, mit der Badewanne, hab gesagt, dass wir vielleicht auch schwimmen gehen können, wenn sie mag, in die Sauna, und ich finde dann schon raus, wo man, aber nein. NEIN!Was hast du nur vor? EINEN AUSFLUG WOLLTE ICH MACHEN! MIT MEINER SCHWESTER!“ Ben, der jüngere Bruder, initiiert einen Ausflug zum Haus des verstorbenen Großvaters, um seiner Schwester Annika seinen Schulabbruch zu beichten. Sein Wunsch: Ein letztes Mal unbeschwert Zeit mit seiner Schwester verbringen. In dem Haus des Großvaters war für Ben immer alles gut – „‚Also können wir einfach bleiben dieses Wochenende? Du und ich? Wie damals? Ein allerallerletztes Mal?“ Doch diese Sehnsucht nach dem Damals verspürt zunächst nur Ben; es macht sich Unentschlossenheit bei den Geschwistern breit – nie sind sie sich einig. Warum sollten die beiden bleiben? Aber warum sollten sie überhaupt zurück nach Hause fahren? „Und die Schlüssel sind weg. Und ich steh da und denke: Jetzt sind die Schlüssel weg.“ Somit wird ihnen vorerst die Möglichkeit genommen, die Heimreise anzutreten. Das bedeutet: noch mehr Zeit für Ben, noch mehr Zeitdruck für Annika. Und immer noch hat Ben nichts gesagt. Durch ihre sensible Wortwahl gelingt es Tamara Bach, das Gefühlschaos der Jugendlichen abzubilden. Wenn sie Annika sagen lässt: „Das Ganze hier eine einzige Allegorie“, meint dies auch den Roman selbst. Er ist eine Allegorie auf die Adoleszenz, an deren Ende die Gesellschaft Häkchen im Lebenslauf erwartet. Aber Ben hat sich gegen eins dieser Häkchen entschieden. Ein hohes Maß an innerer Handlung lässt die Leser*in das Geschehen aus den Blickwinkeln beider Geschwister miterleben: Mal ist man nahe bei Ben, mal bei Annika, und nicht selten weiß man nicht sofort, wer gerade spricht, denkt und fühlt. Dies scheint aber auch nicht immer wichtig zu sein, und nicht nur das ‚Wer?‘, sondern auch das ‚Was?‘ wirft mitunter die Frage auf, worum es denn eigentlich geht? „Was hast du nur vor?“ Die unzähligen „Was hast Du nur vor?“ kumulieren schließlich in diesem einen Gedanken: „Ja, hab ich gedacht, so was wie Hunger.“ Es ist Bens Sehnsucht nach einer Zeit, in der alles gut war, die immer wieder zum Vorschein kommt, in der aber auch immer Angst mitschwingt, Angst von der Reaktion der Schwester, die akribisch, wenn auch nicht immer glücklich, alle Häkchen zu setzen versucht. Tamara Bachs jüngster Roman „Mausmeer“ besticht wie seine Vorgänger durch eine geringe Seitenzahl, eine Erzählung, in der es vor allem um das Innenleben der Figuren und nicht das äußere Geschehen geht. In der schon bald typischen Bachschen Manier spielt sie auch hier mit der Sprache („Ich feuere den Ofen an (Ofen! Ofen! Ofen!)“), schreibt in zumeist kurzen Sätzen über Zwei, die sich gar nicht so unähnlich sind, auch wenn sie sich selbst immer wieder wundern: „Warum sind wir nur so.“ Und so gilt es für die Leser*innen, 144 Seiten lang auszuhalten, dass Ben seiner Schwester endlich erzählt, was geschehen ist, es gilt auszuhalten, dass eigentlich kaum etwas passiert, und dabei gleichzeitig doch jede Menge. Und so ist auch die Altersempfehlung von vierzehn Jahren ein Kann, aber kein Muss: Mancher Adoleszente*r vermag sich im Aushalten verstanden fühlen, für andere hingegen genügt das Aushalten der eigenen Entwicklung.
Leseprobe „Mausmeer"
„Es riecht nach damals. Es riecht nach Ferien. Auch hier geht die Lampe an. Der Lichtschalter einer der Art, die gedreht werden müssen. Das Geräusch ein Klicken in Weiß. In der Lampe sind Tiere. Insektenfriedhöfe. 'Unsere Betten', sag ich. Er nimmt Anlauf, wirft sich auf das am Fenster. 'Meins!' Ich öffne den Schrank, da Decken, Federbetten. Laken. Kissen. Alles da. 'Kalt hier.' 'Mach dir warme Gedanken', sagt er. 'Perverser, du.' Und dann, später, die Betten gemacht, er und ich jeder in seinem Bett unter Decken, das Licht fast aus, frag ich ihn: ‚Kannst du bitte die Tür absperren?‘ Er mault, steht trotzdem auf, geht alles ab, untersucht alle Zimmer nach Räubern und anderen Monstern, schließt ab. Zurück im Zimmer, Licht aus, Bett, Gutnacht. ‚Warum sind wir hier?‘, frag ich leise ins Dunkle, und ich glaub, ich kann sein ewiges Schulterzucken hören.“ (S. 14f)