Édouard Louis: Im Herzen der Gewalt
Machtlosigkeit
von Anne Gerritzen, Luca Janshen und Lisa Bermel (2018)
Auf dem Heimweg von einer Weihnachtsfeier mit seinen Freunden wird Édouard Louis von einem Fremden namens Reda angesprochen, den er mit nach Hause nimmt. Sie unterhalten sich, schlafen mehrfach miteinander – bis Reda gehen will und die Situation eskaliert, weil Édouard merkt, dass die Ecke seines Tablets aus Redas Jackentasche schaut. Er spricht ihn darauf an und die Situation gerät ganz plötzlich außer Kontrolle: Reda würgt ihn, vergewaltigt ihn, bedroht ihn mit einer Waffe. Für Édouard beginnt an diesem Weihnachtsfest ein Alptraum, der ihn nicht mehr los lässt…
Genau wie in seinem Debütroman „Das Ende von Éddy“ verwischen auch in „Im Herzen der Gewalt“ die Grenzen zwischen (Auto-)Biographie und Fiktion. Verhandelt der Erzähler Louis in seinem Erstling seine schmerzliche Kindheit, wirkt dieses Werk wie eine andere, teilweise redundante, teilweise neue Sichtweise auf dort bereits behandelte Themen wie Rassismus, Gewalt, Macht(-losigkeit), denn beiden Werken ist eine Mischung aus soziologischem und literarischem Schreiben eigen, beide Werke changieren zwischen Fakten und Auto-Fiktion. Durch diese Verbindung verweist Louis auf vieles von dem, was er ist: Ein nun mehr weit über die französischen Grenzen hinaus bekannter, aufstrebender, politisch engagierter Intellektueller, dem der Aufstieg aus dem – wie er selbst sagt – Lumpenproletariat gelungen ist. Dabei ‚verpackt‘ Louis seine Erfahrungen, soziologischen Deutungen und auch Urteile literarisch: „Es steht für mich fest, dass ich Gefühle und Erlebnisse mit den Mitteln der Literatur viel radikaler darstellen kann als mit den Mitteln der Soziologie.“ Und an Radikalität, auch in Auseinandersetzung mit Rassismen, mangelt es dem Werk nun wirklich nicht.
„Im Herzen der Gewalt“ ist keine leichte, aber eine intensive Lektüre mit hohem Reflektions- und Diskussionspotential, sowohl aus literarischer als auch aus soziologischer Sicht. Damit ist es interessant für all jene ab sechszehn Jahren, die es ertragen, genau dorthin zu gehen, wo es wehtut – literarisch und soziologisch.
Leseprobe „Im Herzen der Gewalt"
Ich erkannte nicht wieder, was ich selber sagte. Ich erkannte meine eigenen Erinnerungen nicht wieder, als ich sie schilderte; die Fragen der beiden Beamten zwangen mich, die Nacht mit Reda anders darzustellen, als ich es gewollt hätte, und in der Form, die seinem meinem Bericht aufzwangen, erkannte ich das Erlebte nicht wieder, ich verlor die Orientierung, ich wusste, wenn es mit dem Bericht so weitergehen würde, dann würde es wegen ihrer Fragen oder wegen der Richtung, die sie mir aufdrängten, unmöglich, noch einmal zurückzuspulen. Das, was ich hätte sagen wollen, war verloren, ich spürte, dass etwas, das gesagt werden musste, verschwunden war, wenn es nicht im rechten Moment geäußert werden konnte, unumkehrbar, die Wahrheit entfernte sich, entglitt, ich spürte, wie jedes vor den Beamten geäußerte Wort anderer Wörter sogleich unmöglich werden ließ, mir wurde klar, dass es einzelne Szenen, einzelne Details gab, die ich nicht erzählen durfte, wenn ich mich an das Ganze erinnern wollte, dass man sich nur mittels des Vergessens erinnern kann und dass ich, wenn die Polizeibeamten mich zwangen, mich an diese Dinge zu erinnern, das Ganze aus dem Blick verlieren würde.