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Leseprobe „Geboren 1999“

Karls Tagebuch, 17. Mai 2016
Ich löse mich auf.
Eins geteilt durch fünf, da bleibt nicht mehr viel übrig. Und was übrig bleibt, bin vielleicht nicht einmal ich oder der Rest von mir. Was bleibt. sind vielleicht viele Karls. Seit ich weiß,, was alles möglich ist, habe ich große Angst, dass es mich mehrmals gibt, geklont. Der Klon als Clou: Davor habe ich wirklich Angst, schreckliche Angst. [...]
Ich überlege mir oft, wie das wohl ist, seinen Klon zu treffen. Er ist jemand, der genauso aussieht wie ich. Er hört sich auch genauso an, er denkt und fühlt genauso wie ich. Aber wir sind nicht wie Zwillinge zusammen aufgewachsen. Wir haben uns nicht aneinander gewöhnen können. Aus dem Nichts tritt er in mein Leben, plötzlich ist er da. [...]
Ich bin Karl Meiberg, mich gibt’s nur einmal, mit allen meinen Fehlern, so wie ich eben bin. Mich nennen sie den Kalten Karl. Der Kalte Karl, das bin ich. Das Wort ICH bedeutet mir plötzlich so viel wie noch nie, immer mehr bedeutet es mir.
ICH, ICH, ICH.
(S. 69 f.)