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„Andersiger" im Ferienlager. Ein Jugendroman über Individualität, Gruppendynamiken, Ausgrenzung, Mut und Freundschaft

Von Anna Bendomir, Nele Deitmer, Maya Hengstmann, Tina Gref und Judith Küwen (2024)

Ein Urlaub im Ferienlager mit allen Klassenkameraden*innen, spaßigen Aktivitäten und Abenteuern — das klingt doch nach einem guten Programm für die Ferien, oder? Doch für den zunächst namenlosen Protagonisten des Kinderromans „Wolf“ ist das eher die Hölle im übertragenen Sinn: Denn das Kind aus der Großstadt mag weder Natur, lange Busfahrten noch Waldaktivitäten, doch da seine Mutter in den Ferien arbeiten muss, bleibt ihm keine andere Wahl. Jörg (das Mobbingopfer) hat im Gegensatz zu ihm große Freude an der Natur, doch als Außenseitertyp stellt sich für ihn die Gruppendynamik solcher Freizeitcamps als tatsächliche persönliche Hölle heraus: Egal ob Grüppchenbildungen, die Frage nach dem „Wer schläft wo” oder nach Teamaktivitäten –  immer ist Jörg der Ausgeschlossene, der Gedisste, der Gemobbte, das Opfer!

So zum Beispiel auch bei der Unternehmung in der Kletterwerkstatt, bei der der Ich-Erzähler sogar panische Angst um Jörg haben muss, da Marko (einer der Mobber) ihn als Kletterpartner auserwählt und bei seinem ekelhaften Mobbing nun auch Verletzungen seines Opfers billigend in Kauf zu nehmen bereit ist. Zum Glück gibt es ja noch die Erwachsenen! –  Könnte man zumindest meinen. Doch die drücken sich vor ihrer Verantwortung und beschäftigen sich lieber mit sich selbst oder verweisen pädagogisch dummschwätzend auf Allgemeinplätze, die niemandem weiterhelfen, schon gar nicht einem Mobbingopfer.

Der Buchpreisträger Saša Stanišić legt mit „Wolf“ seinen ersten Jugendroman vor, nach dem er mit „Hey, hey, hey Taxi!“ bereits ein Kinderbuch veröffentlich hatte. In „Wolf“ nimmt uns der fantasiebegabte Ich-Erzähler mit ins Ferienlager und erzählt von seinen Beobachtungen, die sich vor allem auf seinen Zimmergenossen Jörg und dessen Verhältnis zu Gruppen fokussieren. Dabei setzt er sich vielseitig und ausführlich mit den Themen Mobbing und Ausgrenzung auseinander. Im Gegensatz zu vielen anderen Werken, die diese Thematik aufnehmen, geht es hier nicht nur um die Perspektive des Opfers oder die der Mobber*in, sondern „Wolf“ greift auch die Position der stillen Beobachter*in auf und problematisiert diese. Dadurch werden neben den Gefühlen des „Andersigen“ – eine der Wortschöpfungen des cleveren und wortmächtigen Erzählers – auch die Beweggründe der „Mobber“, die fehlende Achtsamkeit der Erwachsenen und der Mut, den man braucht, um etwas gegen Mobbing zu unternehmen, aufgegriffen.

Da gerade für Jugendliche die Spannung zwischen Individualität und Gruppendynamik sowie Ausgrenzung und Mobbing wichtige Themen sind, regt das Werk auf Augenhöhe zum Nachdenken über den eigenen Umgang in Gruppen und mit ihren Dynamiken an. Durch die humorvollen Elemente und das hohe, aber immer nachvollziehbare Reflexionsniveau gestaltet sich das Werk auch für erwachsene Leser*innen als unterhaltsam und lehrreich, ohne auch nur einen Moment belehrend zu wirken! Saša Stanišić ist ein kluger, komischer und reflektierter Autor und ein Glücksfall (nicht nur) für die Kinder- und Jugendliteratur! Und ein Glücksfall sind auch die ausdrucksstarken Illustrationen von Regina Kehn!

Bibliographische Angaben:

Stanišić, Saša
Wolf
Hamburg: Carlsen Verlag, 2023
160 Seiten
Jugendroman ab 12 Jahren

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