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Do van Ranst:
Mütter mit Messern sind gefährlich
Aus dem Niederländischen von Andrea Kluitmann
Hamburg: Carlsen 2010
160 Seiten
€ 12,00
Ab 12 Jahren
Übergangsbuch

van Ranst, Do: Mütter mit Messern sind gefährlich

Ödipus reloaded

von Christina Röschenkemper (2010)

„Mit dem Ellbogen wehrte sie die Hand ab. Seine Brust war jetzt frei. Dann stach sie zu. Mitten in das Herz meines Vaters.“ So stellt sich der 13-jährige Jef den Tod seines Vaters vor. Die rasant geschilderte Eingangsszene in Do van Ransts neuem Roman „Mütter mit Messern sind gefährlich“ lässt den Leser eine dramatische Kriminalgeschichte erwarten, doch schlägt das Buch eine ganz andere Richtung ein. Schnell wird klar, dass der Junge sich diese Szene nur in seinem Kopf konstruiert und es den vorgeblichen Totschlag nie gegeben hat. Vielmehr hat der Vater die Familie bereits vor Jahren verlassen. Jef befindet sich offenbar seitdem in einer psychischen Krise, in der er sich erbarmungslos an seine Mutter klammert. Dabei sieht er nur seine Bedürfnisse und lässt ihre Wünsche, Ängste und Meinungen kaum an sich herankommen.

Zusammen mit seiner Mutter Bekka und seiner behinderten Schwester Iene lebt der Junge im fünften Stockwerk eines mehr oder weniger heruntergekommenen Hochhauses. Jefs stets gesprächiger Freund Süleyman, der einige Stockwerke über ihm wohnt, ist immer zugegen, und die beiden verbringen fast ihre ganze Freizeit im Haus. Am liebsten spionieren sie den unterschiedlichsten Bewohnern nach und stellen über sie die wildesten Spekulationen an. Gerne halten sie sich im Keller auf, wo sie sich Geschichten zusammenspinnen und unangenehme Entdeckungen machen. In dieser engen Welt, die von sozialem Abstieg, Armut und Elend geprägt ist, sind sie gefangen, und nur selten entkommen sie ihr. Lediglich auf dem Glasflaschenfeld, wohin Jef seine Schwester gerne im Rollstuhl schiebt, gelingt es ihm, der trostlosen Realität zu entfliehen. Es ist ein Ort, an dem Birnen in Flaschen an Bäumen wachsen und die Klänge der aneinander anstoßenden Flaschen zu hören sind. Ein Ort, an dem der 13-Jährige sich ausmalt, dass Iene irgendwann vielleicht doch reden kann. Dort träumt er von einer Welt, in der alles so ist, wie er es sich vorstellt.

Am liebsten hätte Jef seine Mutter und seine sechzehnjährige Schwester ganz für sich alleine, denn er liebt sie beide innig. Bekka hat ein ungewöhnliches Interesse an Messern, sie wollte früher Meisterköchin werden und gehört einem etwas merkwürdigen Club für deutsche Messer an. Das ist nahezu der einzige Ausbruch aus dem Alltag, den sie sich gestattet, denn ansonsten kümmert sie sich liebevoll bis zur Erschöpfung um Iene und ihren Sohn Jef und verbringt, wenn es denn möglich ist, gemeinsame Stunden mit ihrem neuen Freund Harry. Jef hingegen duldet keine Männer an der Seite seiner Mutter, schon einige hat er vertreiben können – doch Harry bleibt standfest. Ihm steht der Junge feindselig gegenüber, denn er befürchtet, dass Harry die Mutter den Kindern entfremdet und sie ihnen wegnehmen will. Jefs Eifersucht, Wut und Verlustängste stehen der unbändigen Liebe zu den beiden Frauen gegenüber. Eine Ablösung von seiner Mutter, die von ihm bei allen Handlungen beobachtet und kritisiert wird, ist für den Jungen nicht denkbar, denn er hat sich ganz auf sie fixiert und kann diesen Komplex nicht bewältigen. Schließlich geht Jef bis zum Äußersten, um Harry loszuwerden. Er heckt einen kindischen und von vornherein aussichtslosen Plan aus, den er mit Süleymans Hilfe verwirklichen will. Dieses Mal muss sich Jef jedoch der Realität stellen, denn seine Mutter lässt sich ihr eigenes Leben und ihren Freund nicht mehr nehmen.

Die Begebenheiten werden von dem Protagonisten Jef aus der Ich-Perspektive erzählt. Zunächst ist der Leser sehr nah an Jefs kindlichen Gedanken, Träumen und Gefühlen, doch er ändert seine Sichtweise im Verlauf des Buches. Immer weiter rückt die Realität in den Vordergrund, und damit einhergehend baut sich Distanz zum Erzähler auf, erkennt der Leser doch zunehmend, wie realitätsfern und wirr die Gedankengänge des Jungen sind, wie unausgegoren sein Selbstbild ist: Er denkt und handelt meistens wie ein Kind, tritt aber – besonders gegenüber Süleyman, der ihm an Reife einiges voraus hat – auf wie ein Macher, der alles im Griff hat. Das spiegelt sich auch in der Wortwahl, die zum einen einem kindlichen Wortschatz entnommen sein mag, zum anderen der vulgären und teilweise ausländerfeindlichen Sprache eines Erwachsenen entstammt.

Das Buch überzeugt durch seine verschiedenen Sichtweisen, die dem Leser Nähe und Distanz zum Protagonisten gewähren und den Gegensatz zwischen Vorstellung und Wirklichkeit erfahren lassen. Thematisch wird ein tiefgründiges psychisches Problem eines Jungen behandelt, der als unreif und in seiner Welt eingeengt beschrieben wird. Aufgrund des Themas und der unterschiedlichen Sichtweisen lohnt es sich, dieses Buch zu lesen. Allerdings sollte sich der Leser nicht auf den Buchtitel und die dahinter stehenden Erwartungen fixieren, sonst wird er vermutlich schnell enttäuscht werden.

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