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Kevin Kuhn:
Hikikomori. Roman
Berlin: Berlin (Bloomsbury) 2012
223 Seiten
€ 14,99
Junge Erwachsene

Kuhn, Kevin: Hikikomori 

Livestream des Verfalls

von Lisa Gieling (2013)


„,Hikikomori [...]. Meine Diagnose für Till.‘“

Till scheint ein ganz normaler Teenager zu sein. Zusammen mit seinem besten Freund Jan und seiner Freundin Kim besucht er die „freieste Waldorfschule der Welt“ und schmiedet Pläne für die Zukunft. Seine Mutter Karola ist Kuratorin eines innovativen „SchauRaums“, sein Vater Oskar ein erfolgreicher Schönheitschirurg. Till stehen alle Türen offen. Doch dann wird er als Einziger seines Jahrgangs nicht zum Abitur zugelassen. Jans Aufmunterungsversuche und auch Oskars Vorschlag, die Abiturzulassung einzuklagen, helfen nicht: Till beschließt den Rückzug.

„,Was soll das eigentlich werden?‘ ,Das Ding kommt in den Keller.‘“

Till beginnt damit, sein Zimmer von allem zu befreien, was ihm überflüssig erscheint: das Bett, die Couch, der Beistelltisch. Die früheren Standorte seiner Möbel umkreist er mit einem Wachsmalstift und beschriftet die Flächen. Vollkommen überfordert mit der neu gewonnen Freiheit, ohne Strukturen und ohne Perspektive beschließt er, dem Rat seiner Lehrer zu folgen und sich erstmal neu zu orientieren – doch anders als gedacht. Anstatt Pläne für seine Zukunft zu entwerfen, beginnt Till damit, sich einen eigenen Schonraum zu schaffen. Er nimmt nicht mehr am Familienleben teil, ignoriert Jans Anrufe und trennt sich von Kim. Sein Zimmer verlässt er nur noch, um seine Grundversorgung sicherzustellen. Langsam, aber stetig kapselt er sich immer weiter von der Außenwelt ab.

„Tag 22 ist ein Computerspieltag. 24/7. Die Anrufe ignoriere ich weiterhin stoisch.“

Seine Zeit verbringt Till mit Computerspielen, in die er sich mehr und mehr verliert, über Stunden, Tage, Wochen. Seine Freunde und seine Familie werden ersetzt durch das Tapfere Sniperlein, Girl No. I und weitere Mitglieder seines Teams in Medal of Honor. Irgendwann beschließt Till, an einen Ort zu gehen, an dem alles möglich ist – ein Ort ohne Druck, ohne Grenzen, ohne Verpflichtungen. Er erschafft die virtuelle „Welt 0“. Immer tiefer flüchtet er in diese neue Welt. Sie ist ein Rückzugsort für ihn und viele seiner virtuellen Freunde, für alle, die sich in der realen Welt nicht mehr zurechtfinden. Für Till verschwimmen die Grenzen zwischen Realität und Fiktion von Tag zu Tag mehr. Der Höhepunkt scheint erreicht, als er eine virtuelle Kim erschafft, die in „Welt 0“ einzieht. Obwohl Till sich bereits vor Monaten von ihr getrennt hat, bleibt sie weiterhin präsent in seinen Gedanken, begleitet sie seinen Verfall.

„Es ist der 2. Mai, Wochenanfang, früh am Morgen, der 37. Tag hier drin [...]. Um konsequenter in meinen vier Wänden bleiben zu können, setze ich auf Mutter, das sonderbare Geschöpf.“

Till findet einen Weg, sein Essen über Zettelbotschaften bei Karola einzufordern. Damit scheint jeder Gang aus seinem Zimmer zunehmend überflüssig. Für ihn entsteht eine eigene Welt innerhalb seiner vier Wände, während draußen das Familienleben nahezu unbeeindruckt weitergeht. Offenbar fühlt sich Till in der realen Welt verloren, immer auf der Suche nach Grenzen, die Karola und Oskar ihm aber nicht stecken. Karola bezeichnet ihren Sohn immer wieder als „etwas ganz Besonderes“, doch schon in der Schule galt er als auffällig. Immer wieder versucht Till, die Aufmerksamkeit seiner Eltern zu erlangen, indem er nicht vorhandene Grenzen überschreitet, aber er bleibt ohne Erfolg. Karola und Oskar überhäufen ihn mit materiellen Dingen, ermöglichen ihm all seine Wünsche und wahren so den Schein einer perfekten Familie. Sie scheinen viel zu sehr mit sich selbst beschäftigt zu sein, um die wirklichen Bedürfnisse ihres Sohnes wahrzunehmen.

Selbst als Till sich immer weiter zurückzieht und sein Zimmer überhaupt nicht mehr verlässt, sind die elterlichen Versuche, ihn zurück in die Realität zu holen, nur halbherzig. Karola und Oskar sehen zu, wie ihr Sohn immer weiter in seine eigene Welt abdriftet, verstecken sich hinter dem Gedanken, dass dieser Selbstfindungstrip nur zu Tills Bestem sei und er eines Tages als neuer Mensch mit gestärktem Selbstbewusstsein durch die Tür treten werde. Anstatt den Kontakt zu ihm zu suchen, unterstützen die Eltern Tills Isolation: Karola versorgt ihn mit Essen und Oskar mit den nötigen Medikamenten. Doch nicht nur die Eltern betrügen sich selbst. Auch Till scheint nicht bewusst zu sein, dass seine Freiheit und Unabhängigkeit letztendlich nur durch die Unterstützung seiner Eltern funktioniert.

„Schon lange trage ich keine Socken mehr, die Zehennägel stehen über, auf die Hornhaut bin ich mächtig stolz.“

Der sukzessive Rückzug des Protagonisten hinterlässt nicht nur seelische, sondern auch körperliche Spuren. Till verdunkelt die Scheiben seines Zimmers, sodass er kein Tageslicht mehr zu sehen bekommt. Nur der Bildschirm seines Computers spendet ihm ein wenig Licht. Da er sein Zimmer nicht mehr verlässt, beschränkt sich seine körperliche Pflege auf ein Minimum. Mit einem nassen Stofffetzen wäscht er seinen immer dünner werdenden Körper, auf sein langes Haar schöpft er mit einer Kelle Wasser. Als Till nach Monaten in Isolation und Dunkelheit sein Zimmer erstmalig verlässt, hat er dunkle Ringe unter den Augen. Er sieht ungepflegt und abgemagert aus, seine Haut ist an einigen Stellen rötlich entzündet.

„21:42 cassyjuenger: Was für eine scheise ist das denn hier? 21:43 holychristo: ein übler saustall, peinlich uns so was zuzumuten *augenkrebs*.“

Auch die Außenwelt nimmt Teil an Tills Selbstversuch. Aus der gegenüberliegenden Wohnung filmt ein Nachbar Tills stetig voranschreitende Verwahrlosung und sendet die Bilder per Livestream an interessierte User. Durch diese Verschmelzung zweier Welten droht auch der Leser zeitweise die Orientierung zu verlieren. Besonders deutlich wird dies, als Oskar und Karola schließlich doch noch initiativ werden und die Heizung in Tills Zimmer abstellen. Till dokumentiert den stetigen Temperaturabfall, der sich auch in „Welt 0“ bemerkbar zu machen scheint. Dort wird plötzlich er selbst für die kalten Temperaturen verantwortlich gemacht: „Siehst du nicht, sagt sie, wie sehr wir alle frieren? [...] Dann mach doch bitte die Heizung an.“

Kevin Kuhn wurde 1981 in Göttingen geboren und lebt heute in Berlin. In seinem Debütroman „Hikikomori“, japanisch für „sich einschließen; gesellschaftlicher Rückzug“, erzählt er eine Geschichte über das zuerst aus Japan bekannte Phänomen, dass sich junge Erwachsene, die dem Druck nicht mehr standhalten können, aus der realen Welt ausklinken.

Kuhn schreibt abwechselnd aus der Perspektive des Protagonisten und aus der Sicht eines außen stehenden Beobachters. Auch sprachlich wird eine Abgrenzung der unterschiedlichen Sichtweisen deutlich. In tagebuchähnlichen Eintragungen verfolgt der Leser den sukzessiven Rückzug eines jungen Erwachsenen in seine selbst gewählte Gefangenschaft. Die E-Mails, die der Protagonist Till an seine Freundin schickt, ermöglichen einen tiefen Einblick in seine Gedankenwelt. In klarer und teilweise distanzierter Sprache stellt Kuhn die Außenwelt dar. Episodenartig werden Szenen aus Tills Leben beschrieben: der Umbau seines Zimmers, die wenigen Begegnungen mit Freunden und Familie sowie der Besuch einer Party. Kuhns deutliche Worte stellen den Leser in mancher Situation vor eine emotionale Herausforderung.

Durch den häufigen Perspektivwechsel entstehen zwei Sichtweisen auf eine gemeinsame Welt; sie könnten unterschiedlicher nicht sein. Die virtuelle Welt gerät in diesem Roman in den Fokus, nicht nur als Unterhaltungsmedium unserer Zeit, sondern auch als Fluchtmöglichkeit für diejenigen, die an der Gesellschaft, deren Druck und Anforderungen zerbrechen. Till ist irgendwann nicht mehr in der Lage zu erkennen, dass es auch außerhalb von „Welt 0“ Menschen gibt, die sich um ihn sorgen und sich für ihn interessieren. Er hat sich in der virtuellen Welt verloren. Dass sein Experiment scheitert, zeigt sich besonders deutlich in den letzten Worten eines seiner Briefe, den Kim in seinem Zimmer findet: „ich will wieder ein junge sein.“

Der Autor präsentiert keine Lösung des Problems, schon gar kein Happy End. Als Leser kann man dieses Buch nicht einfach weglegen wie einen Kriminalroman, in dem der Fall gelöst wurde. Man ist vielmehr gezwungen, sich eigene Gedanken zu machen, ob Till einen Weg aus der Krise finden kann, und vielleicht auch die Rolle der Medien im eigenen Leben zu reflektieren.

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