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Von Münzfunden und anderen Schätzen:
Mirjam Presslers letztes Werk „Dunkles Gold“

von Thomas Fischer (2020)

Über Jerome D. Salinger, den Autor des „Fängers im Roggen“, geht das Gerücht, in einem Bunker seines Anwesens lagerten noch Dutzende unveröffentlichter Romanmanuskripte. Man möchte wünschen, dass dies auch auf die vor einem Jahr verstorbene Schriftstellerin und Übersetzerin Mirjam Pressler zuträfe. Doch wenn nicht, ist „Dunkles Gold“ leider ihr letztes Buch.

Im Jahr 1998 wurde bei Bauarbeiten in der Altstadt von Erfurt ein Schatz aus Hunderten von Münzen, Schmuckstücken und wertvollen Behältern gefunden, unter denen ein jüdischer Hochzeitsring mit der hebräischen Aufschrift „Masal Tov“ („Viel Glück“) der wertvollste Gegenstand ist. Dieser Schatz, der jetzt in der Alten Synagoge von Erfurt ausgestellt wird, hat Mirjam Pressler zu einem spannenden Roman inspiriert, der auf zwei Zeitebenen spielt. In der Gegenwart wird von der fünfzehnjährigen Laura erzählt, die von ihrer Mutter, einer Kunsthistorikerin, ständig mit Geschichten über den Erfurter Schatz genervt wird. Laura ist in ihren russischen Mitschüler Alexej verliebt, was sie im Moment wesentlich mehr beschäftigt als alte Münzen. Dies ändert sich jedoch, als sie erfährt, dass Alexej Jude ist, diese Tatsache aber aus Angst vor Mobbing verbirgt. Ihr Interesse an der jüdischen Geschichte Erfurts erwacht, und als begabte Zeichnerin beschließt sie, eine Graphic Novel zu entwerfen, in der sich die Historie des Schatzes und eine sehr persönliche Liebesgeschichte verbinden.

Diese Erzählung des jüdischen Mädchens Rachel und ihrer Familie, die vor den Erfurter Pestpogromen des Jahres 1349 fliehen muss, bildet den zweiten Strang der Romanhandlung. Der Vater, ein reicher Kaufmann namens Kalman von Wiehe (übrigens eine historisch verbürgte Gestalt), versteckt seinen Reichtum unter der Kellertreppe und begibt sich mit Rachel und ihrem Bruder Joschua auf die Flucht ins vermeintlich sichere Krakau.

Von nun an vermischen sich die Schicksale der beiden Mädchen von 1349 und von 2018 auf wundersame Weise. Denn auch die mittelalterliche Rachel verliebt sich, und in Alexejs Familie wurde ebenfalls einst ein Schatz versteckt, diesmal vor dem Zugriff der Nazis. Und auch wenn die Autorin ihren Figuren schwere Schicksalsschläge nicht erspart, so etwa den gewaltsamen Tod des Vaters durch Straßenräuber, finden beide Mädchen einen neuen Platz im Leben, und mit der Liebe klappt es zum Schluss auch…

Mirjam Presslers Erzählkunst zeigt sich in diesem ‚Abschiedswerk‘ insbesondere durch ihre Fähigkeit, zahlreiche Figuren in dialogreicher Alltagssprache lebendig werden zu lassen. Die spannende Handlung und deren Parallelsetzung über sechseinhalb Jahrhunderte hinweg sind virtuos durchgeführt. Wir erleben die Geschehnisse strikt aus der Perspektive der beiden in der ersten Person erzählenden Mädchen mit, wobei ein gelegentlicher unmotivierter Wechsel des Erzähltempus vom Präsens ins Präteritum auffällt. Dies und manche Längen und Wiederholungen legen die Vermutung nahe, dass die Autorin, wären ihr noch einige Monate Lebenszeit vor ihrem tragischen Krebstod vergönnt gewesen, hier und da Vereinheitlichungen und Straffungen vorgenommen hätte.

Doch abgesehen von solchen Detailfragen kann man die Fähigkeit der Autorin, sich in junge Menschen sowohl unserer Zeit als auch vergangener Epochen einzufühlen, nur bewundern. Die Schilderung der ersten großen Liebe ist ein ebenso beliebtes Thema in ihren zahlreichen Büchern wie das Schicksal von Waisen oder Halbwaisen (Laura wächst vaterlos auf, und Rahels Mutter ist auch schon lange tot) oder die Gestaltung religiöser Themen, wie in „Nathan und seine Kinder“ über Lessings Ringparabel. Auch die geschickte Einbindung von Sachinformationen in die Handlung fällt auf: So etwa, wenn ein nicht enden wollender Vortrag der Mutter über den Schatzfund von witzigen Kommentaren der gelangweilten Tochter unterbrochen wird, die damit vielleicht der einen oder anderen Leserin aus dem Herzen spricht – die aber dennoch etwas gelernt hat!

Dieser Roman hat das Zeug zum Jugendbuchklassiker über das Thema Antisemitismus in Geschichte und Gegenwart. Er steht in der Tradition von Judith Kerrs zeitlosem „Kaninchen“ oder Hans Peter Richters (schon etwas angejahrtem) „Damals war es Friedrich“ -  ganz zu schweigen von Anne Franks Tagebuch. Mirjam Presslers Stimme in der zeitgenössischen Kinder- und Jugendliteratur wird schmerzlich vermisst werden.

 

Leseprobe:

Ich senkte den Kopf. Das Herz klopfte mir heftig bis in den Hals, die Wiese verschwamm vor meinen Augen. Vielleicht wusste ich es ja wirklich nicht, was es hieß, jüdisch zu sein. Ich hatte nie darüber nachgedacht. Ich war naiv gewesen, arglos, bis jetzt war „Jude“ für mich eine Bezeichnung gewesen wie „Christ“, „Moslem“, „Buddhist“. Und dabei hätte gerade ich es besser wissen müssen, ich wusste doch, was im Mittelalter passiert war, wie es den Juden ergangen war. Die Geschichte zieht sich fort bis in die Gegenwart, das war ein Satz, den ich von meiner Mutter oft genug gehört hatte.

[…] „Die Mädchen finden dich toll, du könntest alle haben, zehn an jedem Finger, wenn du wolltest.“

Er schüttelte den Kopf. „Als Jude nicht, da kannst du sicher sein.“

Wir schauten uns an. Lange. Er griff nach meiner Hand. Ich spürte seine Knöchel unter meinen Fingerkuppen. Seine Haut war rau und warm, eine wohlige Wärme floss von seiner Hand durch meinen Körper.

„Außerdem will ich keine zehn Mädchen an jedem Finger“, sagte er leise, mit einer Stimme, dass sich mir die Härchen auf den Armen aufstellten. Der Druck seiner Hand wurde fester, als er sagte: „Ich will dich.“

So lange hatte ich noch nie einen anderen Menschen angeschaut und so etwas hatte ich noch nie empfunden. So viel Glück.

Was danach geschah, will ich nicht beschreiben, es ist mir peinlich. Und es geht auch niemanden etwas an, nur Alexej und mich.

(S. 159)