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Rabinowich, Julya: Hinter Glas

In Spiegelsplittern

von Nadja Berger, Valentina Danz, Kathrine Jacobs, Carly Tyson-Fendt (2019)

Julya Rabinowich erzählt in ihrem Jugendbuch „Hinter Glas“ die beeindruckende Geschichte eines siebzehnjährigen Mädchens namens Alice, die in der Schule gemobbt wird und die sich zu Hause durch ihren tyrannischen Großvater und die ihm hörigen Eltern krank und einsam fühlt. Als ein gutaussehender, künstlerisch-begabter Junge in ihre Klasse kommt und sich die beiden ineinander verlieben, verändert sich ihr Leben und sie hat erstmals den Mut und die Kraft, sich gegen ihre Eltern zu stellen. Zusammen mit Nico bricht sie aus ihrem bisherigen Leben aus; es beginnt die Geschichte einer Selbstfindung, die allerdings nicht bruchlos vor sich geht: Durch eine Erzählweise in sogenannten Spiegelsplittern rekonstruiert Alice rückblickend ihre Erlebnisse und lässt die Leser*innen Teil ihrer Entwicklung werden. Dabei wird zu Beginn des Buches ein Bezug zu Lewis Carrolls „Alice hinter den Spiegeln“ hergestellt. Die Protagonistinnen von Carrolls und Rabinowichs Werken ähneln sich nicht nur durch ihre Namen, sondern auch durch die retrospektive Betrachtung ihrer Erlebnisse und die Rückkehr als reifere, erfahrene junge Frauen.

Mit ihrem einfachen, aber intensiven Schreibstil und der Erzählung aus der Perspektive der Protagonistin lässt Rabinowich die Leser*innen Alices Gefühle deutlich spüren, die zwischen Liebe, Geborgenheit, Angst, Verunsicherung, Resignation und Leere oszillieren. Sie baut mit kurzen und gleichzeitig prägnanten Sätzen Spannung auf. Dabei werden sehr viele Themen – wie Mobbing, Gewalt, Liebe, Familie, Flüchtlinge und Nationalsozialismus – angeschnitten. Durch die Themenvielfalt wird eine Spannbreite an Identifikationsmöglichkeiten geboten. Allerdings stellt sich die Frage, warum all diese Themenfelder unbedingt zusammenkommen müssen, aber nur angeschnitten werden, wobei es wichtig wäre, das eigentlich zentrale Thema Gewalt intensiver zu reflektieren, da es für Jugendliche eine Herausforderung darstellt und Fragen aufwirft, die für unseren Geschmack etwas zu frei im literarischen Raum schweben.


Leseprobe "Hinter Glas"

„Sein Gesicht veränderte sich in Sekundenschnelle. Aus zusammengekniffenen Augen sah er mich wütend an. ‚Mir gefällt es so, wie es ist. Du bist doch nie zufrieden!‘ Jetzt schrie er. Was ist denn los mit dir?‘, stammelte ich. Dann sah ich die leeren Flaschen neben unserem Schlaflager. Sie waren wieder mehr geworden. ‚Wo hast du das Geld dafür her?!‘ ,Jetzt hörst du dich schon an wie meine Mutter!‘ Er ging drohend auf mich zu. Mir stand der Mund offen. Falls ich so klang wie seine Mutter, dann klang er wohl gerade wie mein Vater. Immerhin noch nicht so wie mein Großvater. Ich war nicht neugierig darauf, diese Steigerung zu erleben. Mein Herz raste. Es fühlte sich nicht real an. Das passierte nicht wirklich. Am liebsten wollte ich flüchten wie ein durchgehendes Pferd. Aber wo sollte ich hin? Und Niko stand zwischen mir und der Tür. Ich hatte das Gefühl, dass er wuchs und wuchs, bedrohlicher und größer wurde. Meine Kehle schnürte sich zu, ich rang nach Luft. Diese Angst kannte ich gut. Die Angst, sich zu bewegen und noch mehr Aufmerksamkeit zu erregen. Ich konnte nicht fassen, dass ich diese alte Angst jetzt wieder empfand.“