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Fernweh

Ost-Berlin war mehr als Honecker und Mielke - Eine Jugend im Prenzlauer Berg der 1980er Jahre

von Thomas Fischer 2022

Punks, Schwule, Bohemiens, brotlose Künste, Rockbands, Hausbesetzungen: Dies alles assoziiert man eher mit dem brodelnden, heruntergekommenen West-Berlin der Achtzigerjahre. Doch der Roman „Fernweh im Paradies“ des Graphikers und Autors Matthias Mücke spielt überraschenderweise im Osten der Stadt, genauer gesagt im Bezirk Prenzlauer Berg. In den dortigen Altbauten der Kaiserzeit tummelte sich ein buntes Völkchen, das sich der allgegenwärtigen Überwachung des SED-Staatsapparates so gut es ging zu entziehen versuchte. Wer kann sich das nach der geradezu brutalen „Gentrifizierung“ der letzten Jahre noch vorstellen?

In seiner ersten Buchveröffentlichung „Niemandsland“ (2019), das noch „Erinnerungen an eine Kindheit“ heißt, hatte der Autor die schwierige Jugend seines Ich-Erzählers im Ost-Berliner Bezirk Pankow erzählt. Der Untertitel deutete also stark auf einen autobiographischen Bezug. Sein neues Buch „Fernweh im Paradies“ trägt als Untertitel nur noch die Gattungsbezeichnung „Roman“. Dennoch schließt die Handlung nahtlos an den ersten Teil an.

Nach dem Tod seines besten Freundes Frank kehrt der 17-jährige, namenlose Erzähler nur noch sporadisch in sein „Kinderzimmermuseum“ in der mütterlichen Wohnung zurück. Er nistet sich auf der Suche nach der geheimnisvollen Zufallsbekanntschaft Susanne zunächst beim Punker „Indianer“ ein, der sich seit acht Jahren vor der Einberufung zum Bausoldaten versteckt. Durch ihn lernt er nach und nach die im Verborgenen blühende Bohème der östlichen Mauerstadt kennen: Den homosexuellen Fotografen Edmund, der sich bald in den Westen davonmacht, den dämonischen Künstler „Mephisto“, der seinen Namen ganz zu Recht trägt, und später die schöne Arbeitskollegin Esther, die ihm in seiner ungeliebten Lehre als Restaurator über den Weg läuft.

Seine wichtigste Bezugsperson ist jedoch sein alter Freund Gurke, der mit einer Rockband namens „Arschbanane“ durch die Clubs tingelt, bis er wegen eines nichtigen Vergehens inhaftiert wird. Kaum entlassen, nistet sich Gurke in der Wohnung des Erzählers und dessen Freundin Esther ein – und freundet sich sehr eng mit ihr an… Die anstrengende ménage à trois kann nicht lange gutgehen, doch die Hiobsbotschaft der baldigen Einberufung zur Volksarmee macht dem (relativ) süßen Prenzelberger Hinterhofleben ohnehin bald den Garaus.

Wie schon in seinem Erstling vermag Mücke die Atmosphäre des untergehenden Mauerstaates und der ungeahnten Freiräume, die sich dessen (keineswegs immer) Werktätige erobern, mit Empathie und Humor darzustellen. Seine ausdrucksstarken Bleistiftzeichnungen, die knapp die Hälfte des Bandumfangs einnehmen, sind überwiegend Stillleben. Sie verschaffen auch der westlich sozialisierten Leserschaft einen Begriff von der kleinbürgerlichen Atmosphäre der durchschnittlichen DDR-Gesellschaft, die der offiziellen Propaganda vom sozialistischen Paradies auf geradezu erschreckende Weise entgegensteht.

Allerdings muss wiederum die bisweilen etwas unbeholfene Stilistik des Textes erwähnt werden. Schicksalsschläge kann der Verfasser nur mit Schweigen quittieren; der abundante Gebrauch von Ausrufungszeichen kann die Sprachlosigkeit ebenso wenig kompensieren wie Allgemeinplätze, etwa das „Herz, das vor Freude Luftsprünge machte.“ Die detaillierte Beschreibung von Personen und Räumen liegt Matthias Mücke deutlich mehr als die großen Emotionen. Doch gewinnt der sicherlich autobiographische Bericht (dem Gattungsbegriff „Roman“ zum Trotz) gerade auch durch seine Mängel an Glaubwürdigkeit: Hier berichtet einer, der sich mit dem geschilderten Milieu wirklich auskennt. Ein Glossar von untergegangenen Begriffen, wie er dem ersten Band beigegeben war, ist diesmal leider nicht zu finden; es hätte hilfreich gewirkt, dem jugendlichen Lesepublikum Abkürzungen wie NVA (Nationale Volksarmee) zu erklären oder russische Liedzeilen zu übersetzen.

Obwohl es Berlin-Literatur wie Sand am Meer gibt (als starker Kontrast wäre etwa die Biographie „West-Berlin. Erinnerungen eines Inselkindes“ des bekannten Krimi-Autors Horst Bosetzky zu nennen), fällt Mückes Buch durch die enge Verknüpfung von Text und Illustrationen und die (gespielte?) Ahnungslosigkeit des Autors über das Schicksal der DDR auf: „Aber was hatte ich erwartet? Dass sich die Welt über Nacht verändert? Nein! Ich war so bescheuert, so naiv, ich dachte nur an den Moment und nicht an seine bitteren Folgen.“

Kurze Zeit später fiel die Mauer.

 

Bibliographische Angaben
Mücke, Matthias
Fernweh im Paradies
Berlin: JacobyStuart, 2022
201 Seiten

 

Leseprobe:

Gurke kam aus dem Spreewald. Seine Eltern machten also in Gurken.

„Saure Gurken und Senf in Fässern machen die, aber dit is nüscht für mich!“ Gurke wollte Musiker werden. Er spielte seine MUSIMA wie Hendrix die Fender Stratocaster.

„Aba ick spiel die noch dreckiga!“, tönte Gurke, nahm seinen Helm ab und kickte ihn durch den Raum. Ich konnte ihm kaum folgen. Meine Augen fielen bei den monotonen Rührbewegungen in den Töpfen immer wieder zu.

Seine Band hieß „Arschbanane“.

„Wir sind total schlecht“, sagte er, „aba bald sind wa jut!“

Bei dem Wort schlecht musste ich sofort aufstoßen. Säuerliches schwamm in meinem Hals

S. 33