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„Wie Urmenschen. Urmenschen vor Kinderwagen.“

Timur Vermes legt seinen dritten Roman vor. Falls es einer ist.

Von Thomas Fischer (2022)

Sitzen eine Frau und ein Mann in einer U-Bahn… So beginnen schlechte Witze, so stellt sich aber auch die Ausgangssituation des Textes mit dem kurzen und bündigen Titel „U“ dar, den Timur Vermes als sein drittes Buch vorlegt:

Eine übermüdete Verlagsmanagerin und ein verkrachter Fernsehlaufbursche befinden sich nachts als einzige Fahrgäste in einer U-Bahn. Beide wollen nur noch schnell nach Hause, doch daraus wird nichts. Die U-Bahn fährt und fährt und fährt – und weit und breit keine nächste Station. Halten beide diese Situation zunächst noch für einen Streich mit versteckter Kamera, eskaliert die Lage bald und entwickelt sich zu einem Horrortrip: Erst verletzt sich der junge Mann beim Versuch, aus dem Fenster zu springen, den Arm. Als endlich doch eine Haltestelle auftaucht, begegnen sie dort auf dem Bahnsteig ihren Doppelgängern, ein vermeintlicher Bauarbeitertrupp erweist sich bei näherem Hinsehen als Gruppe von Urzeitmenschen, die pantomimisch mit unsichtbaren Babys jonglieren. Als die beiden schließlich aussteigen können, sind sie in einer namenlosen Station ohne Ausgang gestrandet. Eine stumme Schwangere, die ebenso plötzlich auftaucht wie sie wieder verschwindet, ist ebenso wenig eine Hilfe wie die geschlossenen Billigläden in den schier endlosen Gängen. Beide überleben ihr nächtliches Abenteuer, doch die körperlichen und seelischen Narben werden sie weiterverfolgen.

Auch wenn das Ende ein wenig enttäuschend ist, muss man dem Autor zugutehalten, dass er nicht dem billigen Trick aufgesessen ist, das Ganze als Traum auffliegen zu lassen. Was die Lektüre streckenweise zum Vergnügen macht, sind die verfremdeten Details, die alle täglich pendelnden Fahrgäste wiedererkennen werden. Wer hätte noch nie eine surrealistisch anmutende Durchsage gehört wie: „Verehrte Fahrgäste, wegen einer verminderten Durchführung sind bedauerlicherweise kleinere Verfahren vereinbar. Wir möchten Sie daher daran erinnern, im Falle einer vorübergehenden Auflösung bitte die Zuständigkeit zu beachten. Wir danken für Ihr Verständnis.“

Der bereits in der Erstauflage mit dem verheißungsvollen Aufkleber „Spiegel-Bestseller“ versehene Band trägt keine Gattungsbezeichnung. Ist es ein Roman, ein Langgedicht in der Tradition des Expressionismus (mit zahlreichen typographischen Verfremdungseffekten), oder einfach nur irgendetwas ‚Postmodernes‘ mit Stephen-King-Allüre? Hatte der Verfasser in seinem erfolgreichen Erstling „Er ist wieder da“ dem Wiedergänger Adolf Hitler noch vollständige, wenngleich ungeschickt archaisierende Perioden in den Mund gelegt, hat er sich in „U“ einem Minimalismus verschrieben, der die Gedanken seiner Hauptfiguren quasi online wiedergeben soll. Oft sind es bloße Wortkaskaden ohne Prädikate; die grotesken Durchsagen sind noch die längsten Sätze. Doch erstaunlicherweise gelingt das Experiment: Wie in Juliane Baldys Jugendroman „Paul“ wird auch hier der abgehackte Duktus des zeitgenössischen Smalltalks ebenso virtuos aufs Korn genommen wie der zynische Jargon der Fernseh- und Werbebranche.

Wenngleich es sich nicht speziell um ein Werk der Jugendliteratur handelt, kann es Leserinnen und Lesern ab etwa vierzehn Jahren durchaus empfohlen werden. Es kommt ihnen durch seine ebenso spannende wie satirische Handlung und den rasanten Stil (passend zur rasenden U-Bahn) entgegen und verleitet junge Leute vielleicht zur Lektüre eines längeren Buches mit ganzen Sätzen – oder zumindest der berühmten Geschichte „Der Tunnel“ von Friedrich Dürrenmatt, die allerdings kein so gutes Ende nimmt. Bekanntlich rast hier ein korpulenter Bummelstudent in einem Schnellzug dem Erdmittelpunkt entgegen. Dürrenmatts Held ist also nicht ‚wieder da‘…

Der (womöglich didaktisch zu nutzende) Vergleich beider Arbeiten würde dann allerdings doch die haushohe Überlegenheit des Schweizer Pfarrerssohnes über den vormaligen Boulevardredakteur Vermes erweisen.


Vermes, Timur
U
München, Piper 2021
160 Seiten