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Die lange Reise des Algiukas Mielis

Von Robert Breuer und Jill Otte (2021)

Algiukas wacht mitten in der Nacht auf, Hunde bellen und eine Faust hämmert gegen die Türe. Russische Soldaten befehlen ihm und seiner Familie, ihre sieben Sachen zu packen und das Haus zu verlassen. Algiukas nimmt seinen besten Freund Martin, den Ganter, mit. Sie fahren mit einem Pferdewagen zu einem benachbarten Bahnhof. Dort wird Algiukas mit seiner Schwester Dalia, seiner Oma Röslein und seiner Mutter Ursula von russischen Soldaten in einen Viehwagon gesteckt. Die Familie wird vom Vater getrennt. Damit beginnt die lange Reise von Algiukas und seiner Familie. Sie werden aus Litauen nach Sibirien deportiert.

Die Geschichte „Sibiro Haiku: Eine Graphic Novel aus Litauen“ wurde von Jurga Vilé geschrieben und von Lina Itagaki illustriert. Sie befasst sich mit der Deportation von vielen Litauern während des 2. Weltkrieges nach Sibirien. Im Jahre 1940 wird Litauen von sowjetischen Truppen besetzt. Die Litauer, welche ihrem Land treu ergeben sind, werden von den Besatzungstruppen deportiert. So auch der junge Algiukas und seine Familie. Sie werden nach Sibirien in ein Arbeitslager gebracht. Dort versuchen die Gefangen mit Galgenhumor und Ideenreichtum ihrem Schicksal zu entgehen. Die Gefangenen gründen einen Chor, den Apfelchor. Die Kinder nennen den Chor Apfelchor, weil sie der Name an die Heimat erinnert, in der es viele Äpfel gab. Die gibt es im tristen Sibirien nicht. Das Singen gibt den Gefangenen wieder Hoffnung und lässt sie auf eine baldige Befreiung hoffen.
Unterbrochen wird die Graphic Novel immer wieder durch Briefe an den Vater oder an den Onkel. Auch gibt es eine Bastelanleitung für japanische Origamis. Der Vater von Algiukas wird in einem Lager erschossen. Der Tod ist allgegenwärtig. Viele der Gefangenen sterben. Bei einem schweren Schneesturm erfriert fast der gesamte Apfelchor. Wie durch ein Wunder überleben Algiukas, Dalia und Ursula. Kurz danach werden Algiukas und Dalia vom „Zug der Waisen“ abgeholt und zurück nach Litauen in ein Waisenhaus gebracht. Doch die lange Reise des Algiukas Mielis hat damit noch immer kein Ende gefunden.

Jurga Vilé und Lina Itagaki gelingt es mit dieser Graphic Novel die Leser*innen mit in die düstere Vergangenheit der Deportationen während des 2. Weltkrieges zu nehmen. Dabei ist die Geschichte mit den Augen eines Kindes erzählt, welches nie die Hoffnung verliert und die Lust am Leben behält. Trotzdem ist diese Graphic Novel keine klassisch schöne Kindergeschichte, die Grausamkeiten des Krieges werden in keinem Fall beschönigt. Dadurch gelingt es, die Leser*innen in ihren Bann zu ziehen. Man fühlt mit dem Protagonisten mit und fühlt die düstere Tragik, die über der Erzählung liegt. Durch die Zeichnungen von Lina Itagaki verliert die Graphic Novel die Unantastbarkeit der tragischen Geschichte, indem die bunten Illustrationen die Hoffnung des Protagonisten unterstützen, anderseits untermauern sie die düsteren Vorstellungen der Leser*innen mit den dramatischen Bildern.

 

Bibliographische Angaben:
Vilé, Jurga
Sibiro Haiku
Basel: Baobab Books 2020
240 Seiten
Graphic Novel für Jugendliche ab 13 Jahren