skip to content

1 / 3
  • Titelbild Enlarged view:
    Pohl, Peter:
    Jan, mein Freund
    Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer.
    Ravensburg: Ravensburger 2000.
    (RTB 8018)
    (Originalausgabe 1985)
    320 S., € 6,95.
  • Titelbild Enlarged view:
    Pohl, Peter:
    Der Regenbogen hat nur acht Farben
    Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer.
    München u. a.: Hanser 1993.
    (Originalausgabe 1986)
    288 S., € 14,90.

    Auch als TB:
    München: dtv 2000.
    (dtv Reihe Hanser 62029)
    352 S., € 8,-.
  • Titelbild Enlarged view:
    Pohl, Peter:Ich bin Malin
    Aus dem Schwedischen von Birgitta Kicherer.
    Ravensburg: Ravensburger 1996.
    254 S.

Sammelrezension Autorenporträt Peter Pohl

Pohl, Peter: Jan, mein Freund/Der Regenbogen hat nur acht Farben/Ich bin Malin

Wenn etwas herrlich ist, dann dass man Freunde hat

von Claudia Rathmann (1996)


Peter Pohl ist ein Autor, der sich immer wieder mit dem Thema „Freundschaft“ auseinandersetzt. Er tut dies in einer Art und Weise, die in der Kinder- und Jugendliteratur neu und ungewöhnlich ist. Seine Bücher fesseln den Leser von der ersten bis zur letzten Zeile.

1940 als Sohn eines Deutschen und einer Schwedin geboren, kam er während des Krieges nach Stockholm, wo er auch heute noch mit seiner Familie lebt. Statt Frieden erfuhr er auch hier Hass und Gewalt, hatte unter zahlreichen physischen und psychischen Demütigungen zu leiden. Diese Kindheitserfahrungen haben sein Schreiben nachhaltig beeinflusst. Nach dem Abitur arbeitete er zunächst als Sportlehrer und Jugendleiter auf Freizeiten, studierte dann Physik und Chemie und promovierte schließlich in Mathematik. Er lehrt dieses Fach heute an einer Technischen Hochschule.

1985 erschien sein erstes Jugendbuch „Jan, mein Freund“, das mit Recht große Beachtung fand. Es wurde u. a. mit der Nils-Holgersson-Medaille und dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet. Ihm folgten „Nennen wir ihn Anna“ (1986), „Der Regenbogen hat nur acht Farben“ (1986), „Ich bin Malin“ (1992), um nur einige zu nennen. Sie alle wurden von Birgitta Kicherer ins Deutsche übersetzt. 1993 erhielt die gelernte Graphikerin dafür den Wieland-Übersetzerpreis. Über den Autor sagt sie selbst: „Seit nunmehr sechs Jahren beiße ich mir jeweils in den Sommermonaten an einem seiner sperrigen Texte die Zähne aus, kämpfe mit Wortfluten und Endlossätzen, mit Fünfzigerjahrejargon und Bürokratenschwedisch, mit lyrischen Ergüssen und eiskalten Schilderungen sinnloser Brutalität.“

In der Tat mutet Peter Pohl mit seinen psychologischen Romanen dem Leser einiges zu. Schonungslos konfrontiert er ihn mit körperlichen und seelischen Grausamkeiten, mit Misshandlung, Tod und menschlichem Versagen. Dabei wählt er eine Erzählperspektive, die es unmöglich macht, sich vom Geschehen zu distanzieren. Gefangen in der Sicht eines Betroffenen, ist der Leser den Ereignissen hilflos ausgeliefert. Er nimmt teil an dessen Gedanken und Gefühlen, durchlebt wie er Phasen des Glücks und der Verzweiflung.

Freundschaften sind bei Pohl nie Spielgemeinschaften oder ‚Schönwetterbeziehungen’, sondern haben stets existentielle Bedeutung: Sie bieten Hilfe in einer Notsituation. Für die Protagonisten sind sie befreiend und belastend zugleich, mitunter sogar eine wirkliche Überforderung.

Um eine solche tragische Freundschaft, die sich nie richtig entfalten kann, geht es in „Jan, mein Freund“. Im analytischen Erzählstil eines Kriminalromans verbindet Pohl hier die Freundschaftsgeschichte zweier Zwölfjähriger mit einem schrecklichen Verbrechen. Die beiden Freunde könnten nicht unterschiedlicher sein: Auf der einen Seite Krister (Krille) Nordberg, Sohn des Regierungsrates und Schüler des traditionsreichen Södra Latin, auf der anderen Seite Jan, der geheimnisvolle, rothaarige Junge mit dem Mädchengesicht und einem phänomenalen Fahrradtalent. „Keinen Vater. Keine Mutter. Keinen Namen. Kein Zuhause.“ So resümiert Krille am Ende des Buches. Doch „wir fangen nicht am Ende an, Jan. Beginnen wir lieber am Anfang.“

Seine erste Begegnung mit Jan datiert Krille auf die Minute genau. Es war am 31.08.1954 um 18.32 Uhr, als irgendein Jemand plötzlich aus dem Nichts auftaucht und Krille mit seinem Fahrrad schneidet – ein Begrüßungsritual, das zu seinem Markenzeichen und „Jans Eintrittskarte zur Bande“ wird. Doch Jan kommt und geht, wann er will. Manchmal verschwindet er für Wochen, ohne zu sagen warum und wohin, manchmal kommt er fürchterlich zugerichtet zurück – und wehe dem, der ihn danach fragt.

Seine ständigen Ausflüchte und Lügen belasten Krille: „Wir sind doch dicke Freunde, oder nicht, und die verschweigen sich doch nichts.“ Aber Jans Geheimnis ist zu groß und zu schrecklich, als dass er es einfach erzählen könnte. „Irgendwann werd ich dir alles sagen“, verspricht er dem verzweifelten Freund – ein Versprechen, das er nicht einhalten kann, und das charakteristisch ist für die Beziehung zwischen den beiden.

Krille selbst bringt Licht in das Dunkel von Jans Existenz, als er sich – gezwungen durch die Fragen eines Polizisten – an die einzelnen Stationen in seinem Jahr mit Jan zurückerinnert. Zunächst völlig ahnungslos gelingt es dem Ich-Erzähler aus der Retrospektive, Stück für Stück das Geheimnis um Jan zu lüften. Mit ihm durchlebt der Leser noch einmal die verschiedenen Entwicklungsstadien der Freundschaft, die mit einem Wechselbad an Gefühlen verbunden sind: Glück und Geborgenheit, Angst und Unsicherheit, und immer wieder Sehnsucht nach Jan. Man ist hin- und hergerissen zwischen schrecklicher Ahnung und der Hoffnung, dass sich doch noch alles zum Guten wendet. „Irgendwann einmal würde ich alles erfahren, hast du gesagt. Aber doch nicht so!“

In „Der Regenbogen hat nur acht Farben“ entfaltet Pohl eine nahezu überirdische Freundschaft, die jedoch tragisch endet. Das 1993 in Deutschland erschienene Buch trägt deutliche autobiographische Züge. Es findet eine Fortsetzung in dem Band „Während der Regenbogen verblasst“ (1995).

Der Ich-Erzähler dieses Buches heißt Heinrich Hegg und ist – wie der Autor selbst – 1940 in Deutschland geboren. Als Kind eines deutschen Vaters und einer schwedischen Mutter wächst er unter dem Schrecken des Krieges auf. Er verliert seinen Vater und seine Freunde. Das lässt ihn glauben, dass er eine magische böse Kraft in sich trage: Alle, die er gern hat, müssen sterben.

Drei Tage vor seinem fünften Geburtstag kommt Heinrich mit seiner Mutter nach Stockholm. „Hier sind alle Leute lieb“, verspricht ihm die Mutter – doch das gilt offensichtlich nicht für die Nachbarskinder. Schon der erste Kontakt mit ihnen ist schmerzhaft und demütigend. „Sprich schwedisch, dreckige Nazisau“ sind die ersten Wörter, die ihm in der fremden Sprache seiner neuen Heimat entgegenschlagen. Und von nun an beginnen die Kinder, Heinrich diese Sprache buchstäblich einzuprügeln. Mit kompromissloser Radikalität beschreibt Peter Pohl die Leiden des gedemütigten Heinrich und den Spaß der ihn quälenden Kinder. Selbst als er längst besser schwedisch spricht als sie und seinen verhassten deutschen Vornamen in Henrik geändert hat, hört das Martyrium nicht auf.

Nur Fredde scheint etwas an dem deutschen Jungen zu liegen. Doch er stirbt, bevor sich die Freundschaft zwischen den beiden richtig festigen kann. Als Henrik wenig später auch noch Uffe verliert, ist ihm klar: „Von jetzt an würde er aufpassen. Aufpassen, damit er niemanden gern hatte. Aufpassen, damit er niemandem vertraute.“

Aber dann taucht plötzlich Ylva auf, die selbstbewusste, strahlend schöne Ylva, die ausgerechnet ihn zum Freund wählt. Durch sie lernt Henrik, wieder auf die Zukunft zu hoffen. Mit ihr erlebt er seine erste große Liebe und ein Gefühl, das ihm bisher fremd gewesen war: Sehnsucht.

Was Pohl hier zwischen zwei siebenjährigen Kindern entstehen lässt, ist fast eine Freundschaftsvision. Wie ein glänzendes fremdes Kind der Romantik bricht Ylva in Henriks Leben ein, um ihn zu erlösen. Ihre Beziehung wirkt phasenweise wie der Wirklichkeit gewordene Traum eines psychisch schwer gestörten Kindes. Ylva ist viel mehr als nur Henriks Spielgefährtin. Sie verkörpert das, was ihm durch die frühen Entbehrungen und Demütigungen verloren gegangen ist. Sie ist der Teil, der „an die Kraft der Sehnsucht und an die Zukunft, an Lachen und warme Umarmungen“ glaubt. Umso schmerzvoller ist es, dass Henrik auch sie am Ende verliert.

Eine Freundschaft, die für beide Seiten hilfreich und beglückend ist, beschreibt Pohl in „Ich bin Malin“, dem einzigen Kinderbuch dieser Auswahl. „Manche Personen sind einfach nicht sichtbar. So eine Person ist Malin.“ Seit ihrer Einschulung mehren sich die Zeichen, dass sie für andere gar nicht existiert: Ihre Klassenkameradinnen nehmen sie nicht wahr, und auch die Lehrerin scheint die gewissenhaft arbeitende Schülerin nicht zu sehen. Sogar für ihre Familie wird Malin immer mehr zu einem Niemand. Um sich selbst ihre Existenz zu beweisen, bestiehlt sie ihre Klassenkameradinnen – gerade sie, die wohlerzogene Tochter der angesehenen Rechtsanwaltsfamilie Svärdh, der es an nichts mangelt. Die Diebstähle versetzen die ganze Klasse in Aufregung, als Beweis für Malins Existenz taugen sie jedoch nicht. „Es war ein anderer Mensch, der einen ins Leben und in die Sichtbarkeit rufen mußte.“ Ausgerechnet Gurra, der offenbar verwahrloste „König“ der Jungen und Schreck aller Lehrer, bemerkt Malin als erster. Zwischen den beiden entwickelt sich eine Freundschaft, durch die das Mädchen aus seiner Unsichtbarkeit heraustreten und seinen Platz in der Klasse finden kann. Aus der braven Schülerin wird ein selbstbewusstes, mitunter aufmüpfiges Mädchen, das sich vehement – und dank der tatkräftigen Unterstützung seiner Eltern auch erfolgreich – für den Freund einsetzt.

Der berüchtigte „King Gurra“, der sein niedriges Selbstwertgefühl hinter einer Maske versteckt, findet in Malin einen Menschen, dem er sich öffnen kann. Die Freundschaft zu ihr widerspricht seiner Überzeugung, zu den „Leuten von der falschen Seite des Flusses“ zu gehören. Sie kommt ihm vor wie das Märchen von der Prinzessin und dem Bettelknaben. „Wenn du der einen Hälfte angehörst und ich der anderen, worauf können wir dann noch hoffen?“

Aus der Sicht der zehnjährigen Malin erlebt der Leser die befreiende Wirkung ihres ersten Kontakts mit Gurra und die Gefühle, die mit der Entwicklung ihrer Freundschaft einhergehen. Ob die beiden dauerhaft überwinden können, was zwischen ihnen steht, bleibt offen. „Wir können darauf hoffen, dass eine Brücke über den Fluss führt. Und die können wir überqueren, Gurra, so einfach ist das! Du kommst zu mir, oder ich komme zu dir.“

Leseprobe „Jan, mein Freund“

Leseprobe„ Der Regenbogen hat nur acht Farben“

Leseprobe „Ich bin Malin“