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Pressler,Mirjam:
Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen
Weinheim u. a.: Beltz & Gelberg 2004.
(Erstauflage 1994)
182 S., € 12,90.

Auch als TB:
Weinheim u. a.: Beltz & Gelberg 1998.
210 S., € 7,90.

Pressler, Mirjam: Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen

Nein, ich will keine Freundin!

von Sylvia Knipp (1996)

Das steht für die zwölfjährige Halinka fest. Dabei fühlt sie sich oft sehr einsam. Hier im Heim setzen sich nur die Starken durch und machen den Schwächeren das Leben schwer. Doch Halinka hat gelernt, ihre Gefühle und Wünsche vor den anderen zu verbergen. „Man darf nie zuviel von sich zeigen“ – das ist das Wichtigste, das sie im Heim gelernt hat.

Eigentlich könnte alles so schön sein, wenn Halinka endlich zu Tante Lou dürfte. Doch Tante Lou ist unverheiratet und kann sich nach Ansicht der Fürsorge nicht ausreichend um das Mädchen kümmern. So bleiben die wenigen Wochenenden, die die beiden gemeinsam verbringen, Halinkas einzige Lichtblicke in ihrem tristen Alltag. Die übrige Zeit kann sie nur an ihre geliebte Tante denken. Sie schreibt sich ihre Merksätze in ein Gedankenbuch, das Tante Lou ihr geschenkt hat. Dieses Buch ist Halinkas großes Geheimnis, genau wie ihr Geheimversteck auf dem Dachboden. Hierhin flüchtet sie, wenn traurige Gedanken sie am Einschlafen hindern. Eingekuschelt in eine alte Decke, träumt sie davon, eines Tages wie Huckleberry Finn auszureißen. „Fünf Minuten im Garten Eden sind besser als ein ganzes Leben in der Hölle“ schreibt sie in ihr Gedankenbuch. Dieses kleine Stück Privatsphäre im Versteck hilft ihr, den Alltag im Heim zu ertragen.

Auch Renate hat unter den Sticheleien der Großen zu leiden. Jede Nacht hört Halinka sie in ihrem Bett weinen. Sie mag Renate gern, aber „was nützt eine Freundin, die nicht stark ist?“, wenn man selbst zu den Schwachen gehört. Doch Renates Traurigkeit kann Halinka nur schwer ertragen. So nimmt sie das schluchzende Mädchen eines Abends mit zu ihrem Geheimversteck. Hier kommen die beiden sich näher. Renate bewegt Halinka dazu, ihr eine „schlimme“ Geschichte zu erzählen. Nach diesem Abend wacht Halinka „mit einem ganz blöden Gefühl im Bauch“ auf. Es ist ihr peinlich, dass sie Renate etwas so Persönliches erzählt hat, und sie ist sich sicher, dass es ein Fehler war. Deshalb geht sie ihr aus dem Weg, meidet jeden Blickkontakt.

Doch als Elisabeth Renate als Tochter einer Zuchthäuslerin beschimpft, packt Halinka die Wut, „Wut auf alles“. Sie prügelt sich mit der gehässigen Zimmergenossin, die sich immer nur an den Schwächeren vergreift. Die Mädchen fügen sich deutliche Blessuren zu. Dennoch ist Halinka erleichtert: Endlich hat sie sich gewehrt. Durch den Kampf mit Elisabeth macht die Zwölfjährige nicht nur ihrem eigenen Ärger Luft. Sie setzt sich für ein schwächeres Kind ein und lehnt sich so gegen die eisige Atmosphäre im Heim auf. Dieses klare Eintreten für Renate ermöglicht die Freundschaft zwischen den beiden Mädchen.

Aus der Sicht der Ich-Erzählerin Halinka beschreibt Mirjam Pressler den belastenden Alltag in einem Kinderheim im Nachkriegsdeutschland. Durch die genauen Beobachtungen, mit denen Halinka ihre Umgebung wahrnimmt, wird auch die Hauptfigur den Lesenden vertraut. Ihre Entwicklung, ihre Gedanken und Gefühle stehen im Vordergrund dieser Geschichte, an deren Ende der Beginn einer zarten Freundschaft steht. Die Autorin macht deutlich, dass erst die Prügelei den außergewöhnlichen Druck, der auf Renate und Halinka lastet, beseitigen kann. Dass Halinka körperliche Gewalt zur Konfliktlösung wählt, erscheint plausibel und wird nicht beschönigt.

„Wenn ein Kind es schafft, für seine Situation Lebensstrategien zu entwickeln, dann ist das eine tolle Sache“, meint die Autorin Mirjam Pressler. Wie das einem Mädchen gelingt, zeigt sie in „Wenn das Glück kommt, muss man ihm einen Stuhl hinstellen“. Für dieses Buch wurde sie 1995 mit dem Deutschen Jugendliteraturpreis ausgezeichnet.

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