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„Halts Maul dummer Junge […], das sind die Wissenschaften!“

Von Pia Claußen (2023)

2022 jährte sich der Todestag des ‚Universalkünstlers‘ E.T.A. Hoffmann zum zweihundertsten Mal, was der Secession Verlag Berlin zum Anlass nahm, das 1817 erschienene, kinderliteraturgeschichtlich sehr einflussreiche Kunstmärchen „Das fremde Kind“ in einer neu illustrierten Ausgabe zu publizieren, die zudem via QR-Codes Musik in die Textur einbezieht. Zur Erinnerung: E.T.A. Hoffmann erzählt zunächst die Geschichte des naturverbundenen Geschwisterpaares Christlieb und Felix, das unbeschwert und gemeinsam mit seinen Eltern im dem kleinen Dorf Brakelheim lebt. Als ihr reicher Onkel aus der Stadt mit seiner Frau und den verzogenen Kindern zu Besuch kommt und neben mitgebrachtem teurem, aber seelenlosen Spielzeug auch einen Hauslehrer (Magister Tinte) ankündigt, welcher die Bildungsdressur der Geschwister in die Hand nehmen soll, legt sich ein Schatten über das Paradies der Kindheit, wie aus dem als Überschrift verwendeten Zitat bereits deutlich wird. In der Zwischenzeit treffen die Geschwister allerdings, als sie sich im Wald ihres Spielzeugs entledigen, auf das titelgebende fremde Kind, einer Projektion des romantischen Kindheitsbildes, mit dem zusammen sie aufs Neue in die verzauberte Welt des Spiels eintauchen, bevor es zum Showdown zwischen Gut und Böse kommt…

Während der Text des ‚Wirklichkeitsmärchens‘ unverändert bleibt und sein literarischer Rang unbestritten ist, sind es also die Illustrationen der bulgarischen Bilderbuchkünstlerin Katina Peeva, die es hier besonders zu betrachten gilt. Insgesamt kann man sagen, dass die ‚digitalen Ölgemälde‘ den Text ein Stück weit modernisieren, ohne mit der Anschauungswelt der erzählten Welt zu brechen. Sowohl die Figurenzeichnungen als auch die Hell-Dunkel-Kontraste der Umgebungsräume unterstreichen die ambivalente Atmosphäre der Erzählung und korrespondieren mit der Polarität von Gut und Böse. Dabei neigen die Illustrationen allerdings manchmal dazu, die eigentlich sehr gemäßigten bizarren Anteile der Geschichte über zu betonen. Insgesamt kann man festhalten, dass es Katina Peeva gelungen ist, einen Text des 19. Jahrhunderts mit den Mitteln des 21 Jahrhunderts ansprechend neu, wenn auch nicht bruchlos zu illustrieren. Wir dürfen also gespannt bleiben auf die Neuausgabe zum dreihundertjährigen Jubiläum.

Bibliographische Angaben:

E.T.A Hoffmann
Das fremde Kind
Illustration: Katina Peeva
Secession Verlag Berlin 2022
93 Seiten

Leseprobe: