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Titelbild
Anderson, Laurie Halse:
Sprich
Aus dem Englischen von Birgitt Kollmann
Weinheim u. a.: Beltz & Gelberg 2001
276 S., € 14,-.

Anderson, Laurie Halse: Sprich

Schattendasein

von Regina Eberlein (2002)


Melinda ist eine Ausgestoßene, ein Niemand, ein Nichts. Seit sie im vergangenen Sommer in Panik eine Party hochgehen ließ, indem sie die Polizei rief, haben sich ihre Freundinnen aus der Middle-School von ihr abgewandt. Auch in der weiterführenden Schule will niemand etwas mit der „Verräterin“ zu tun haben. Den schrecklichen Grund für ihr damaliges Verhalten kennt nur Melinda allein. Doch wem sollte sie sich anvertrauen? Wer würde ihr zuhören? Isoliert, verschlossen und verletzt zieht sich das Mädchen immer mehr zurück und flüchtet sich in Schweigen: „Mein Hals geht einfach zu, so als ob sich zwei Hände mit schwarzen Fingernägeln um meine Luftröhre legten.“ Obgleich sich ihr Innerstes dagegen sträubt, fügt sie sich in die Rolle der Außenseiterin, vernachlässigt sich selbst und die Schule. „Ich sitze als Einzige ganz allein, unter einem blinkenden Neonschild, auf dem steht: ,Absoluter, kompletter Versager. Nicht ganz zurechnungsfähig. Abstand halten. Nicht füttern.’“

Die Fünfzehnjährige hat etwas Furchtbares erlebt. Ihre Unfähigkeit, darüber zu sprechen und die verständnislose Unbarmherzigkeit ihrer Umwelt lassen sie zur Randfigur werden. Die Versuche, das erlittene Trauma zu vergessen, scheinen vergeblich. Immer wieder drängt sich die Vergangenheit in ihr Leben. Durch ihre wund gebissene Lippe und ihre zerkratzten Arme wird die innere Verletzung auch äußerlich sichtbar: „Ich biege eine Büroklammer auseinander und kratze damit über die Innenseite meines linken Handgelenks. Jämmerlich. Wenn Selbstmord ein Schrei um Hilfe ist, was ist dann das hier? Ein Winseln? Ein Fiepen?“. Und doch bleiben diese Zeichen unbemerkt.

Im Verlauf eines Schuljahres, in dem Melinda zwischen Hoffnung, Wut und Schmerz hin- und hergerissen ist, vollzieht sich ein entscheidender Wandel: Es gelingt ihr, an innerer Stärke zu gewinnen und sich selbst zu erlösen. Auf diesem Weg findet das junge Mädchen zu seiner bislang verborgenen Persönlichkeit, entdeckt die eigene Sensibilität und fasst schließlich auch den Mut, das Schweigen zu überwinden. Die dazu notwendige Kraft schöpft sie insbesondere aus der kreativen Gestaltung im Kunstunterricht, bei der es des Sprechens nicht bedarf.

Bei genauerem Hinsehen stellt sich heraus, dass es nicht nur Melinda ist, der das Reden schwer fällt. Sie lebt in einer Welt, in der nicht kommuniziert wird – schon gar nicht über Gefühle wie Angst oder Sehnsucht. „Es ist leichter, gar nichts zu sagen. Halt die Klappe, kleb dir den Mund zu, schluck’ s runter. [...] In Wirklichkeit will doch keiner hören, was du zu sagen hast.“ Erschreckend deutlich wird dies in den Abschnitten, in denen Melinda vom Zusammenleben mit ihren Eltern erzählt – von einer Welt, in der Vorwürfe und Bestrafungen liebevolle Zuneigung und Verständnis überlagern.

Durch Melindas Augen erblickt man das hässliche Gesicht einer scheinbar glänzenden Schulwelt, wie die TV-Serien „Beverly Hills 90210“ oder „Dawson’s Creek“ sie mitunter vorführen. Nüchtern und mit beißendem Spott erfasst die Ich-Erzählerin das Geschehen um sie herum – und hegt doch insgeheim den Wunsch, ein Teil all dessen zu sein. Scharf zeichnet sie die Kehrseiten des schönen Scheins im Alltag amerikanischer High-Schools: Anerkennung genießen nur diejenigen, die ‚dazugehören’ und sich anpassen, sei es durch die Mitgliedschaft in einer Clique, durch die Aneignung eines Trends oder eine besondere Leistung im Sport. Laurie Halse Anderson kratzt an der Oberfläche amerikanischer Statussymbole wie Football („Dieselben Jungs, die in der Grundschule ständig nachsitzen mussten, weil sie ihre Mitschüler verkloppt hatten, werden jetzt dafür belohnt“) und den dazugehörigen Cheerleadern: „Es muss ein Wunder sein. Eine andere Erklärung gibt es nicht. Wie könnten sie sonst am Samstagabend mit den Typen von der Footballmannschaft ins Bett gehen und am Montag als jungfräuliche Göttinnen wieder auferstehen?“

Der vielfach ausgezeichnete Roman beeindruckt nachhaltig. Mit präzisen Formulierungen, einer klaren Sprache und einem ebensolchen Aufbau fesselt Anderson Leserinnen und Leser auf geschickte Weise: In manchen Absätzen lässt sie ihnen Schauer über den Rücken laufen, wohingegen der spitze Sarkasmus der Hauptfigur inmitten der Beklemmung immer wieder zum Lachen reizt. Kurze, prägnante Überschriften leiten die einzelnen Kapitel der insgesamt vier Erzählteile ein, die den Quartalen des Schuljahres entsprechen. Nicht zuletzt tragen auch die vielen dialogisch angelegten Szenen wesentlich zum lebendigen und realistischen Charakter des Buches bei.

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