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Mikolajetz, Anja: Das Herz des Affen

Ein Feigenbaum. Ein Fluss. Zwei Krokodile. Und ein kleiner Affe.

von Katharina Baier und Kristina Krücken (2015)

Das Bilderbuch „Das Herz des Affen“ erzählt die Geschichte eines munteren kleinen Affen in rot karierter Latzhose, der in einem Feigenbaum neben dem großen Fluss wohnt. Unter dem Feigenbaum lebt ein Krokodilmann mit seiner Frau im Wasser. Die Krokodilin beobachtet tagein tagaus den kleinen Affen, wie er in dem großen Feigenbaum über ihrem Kopf herumturnt, sie wird immer hungriger und möchte ihn am liebsten fressen. Darum beauftragt sie ihren Mann, ihr das Herz des Affen zu holen. Dieser sträubt sich anfangs, doch die Krokodilfrau ist so versessen darauf, dass er ihrem Willen nachkommt und den Affen durch eine List vom Baum herunterlockt. Der Krokodilmann erzählt ihm von den köstlichen Früchten, die auf der anderen Seite des Flusses wachsen und erreicht, dass der kleine Affe solch einen Appetit auf diese unerreichbaren Früchte bekommt, und dem scheinbar ganz freundlichen Krokodil vorerst in die Falle tappt. Nur durch Klugheit gelingt es dem Affen, sein nahendes Unheil abzuwenden, und er kehrt heil und wohlbehalten zu seinem Feigenbaum zurück.

Das Besondere an diesem Bilderbuch sind die expressiven Illustrationen, die es zu einem ästhetischen Erlebnis für Groß und Klein machen. Zum Beispiel wird die Schilderung des Krokodils von den köstlichen Früchten am gegenüberliegenden Ufer dem Affen gegenüber phantasievoll umgesetzt, indem Rauch in Form der Früchte aus der Pfeife des Krokodilmannes aufsteigen. Der Text ist in den Illustrationen nicht einfach nur abgebildet, sondern sehr humorvoll umgesetzt. Wie zum Beispiel in der Szene, als die Krokodilfrau ihren Mann unbedingt dazu bringen möchte, dass er ihr das Herz des Affen bringt. Hier wird die Krokodilfrau auf dem Rücken liegend am Grund des Flusses dargestellt. Sie tut so als wäre sie tot. Eines ihrer großen gelben Augen hat sie aber geöffnet, um heimlich zu überprüfen, ob ihr Schauspiel die gewünschte Wirkung auf ihren Mann hat.

Die ausgeprägte Mimik der Tiere gibt dem Text eine weitere Deutungsebene und ist auch für Kinder nachvollziehbar. Die Tiere sind ausgestattet mit Kleidungsstücken und Accessoires, die ihre Figureneigenschaften überspitzt darstellen, wie die karierte Latzhose des Affen, die roten Pumps der Krokodilsfrau sowie die Pfeife und der Zylinder des Mannes. Die Altersempfehlung ab vier Jahren ist gut gewählt. Die großzügigen bunten Bilder sind für Kinder dieses Alters sehr ansprechend gestaltet. Durch die flächige und kraftvolle Gestaltungsweise der hauptsächlich pastellfarbigen Lithografie mit den dicken schwarzen Umrandungen hebt sich dieses Buch von üblichen Kinderbüchern ab. Die Schrift ist groß und serifenfrei, so sind die Buchstaben durch ihre einfache Form gut erkennbar. Bei ein paar Bildern könnte jedoch der Hintergrund, der das unruhige Wasser des Flusses darstellt, aufgrund des geringen Kontrasts zu einer erschwerten Lesbarkeit des Textes führen.

Anja Mikolajetz setzt in ihrem Bilderbuch die Geschichte eines Volksmärchens aus Myanmar in bunten Bildern mit kurzen kindgerechten Sätzen um. Allerdings verändert die Autorin dieses Volksmärchen ein wenig: Im Ursprungsmärchen sind das Krokodil und der Affe befreundet, da der Affe dem Krokodil aus der Not hilft und ihm Feigen von seinem Baum abgibt. Doch dann erkrankt die Krokodilsfrau und kommt vor Hunger fast um. Deshalb bittet sie ihren Mann, ihr das Herz des Affen zu holen. So gelangt das Krokodil in eine schwierige Situation, denn es liebt seine Frau, aber der Affe ist sein Freund. Dass sich das Krokodil also gegen die Freundschaft entscheidet, diese missbraucht und versucht, den Affen seiner Frau zum Fraß vorzuwerfen, wird in Mikolajetz Geschichte nicht thematisiert. Das moralreiche, etwas traurige Ende gelingt der Autorin in ihrem Kinderbuch aber sehr gut. Die Moral ändert sie jedoch ab: Die ursprüngliche Freundschaftsgeschichte wird zu einer des sozialen Zusammenlebens und des Miteinanders erweitert. So hält das Ende der Geschichte für den Leser nicht nur eine Moral bereit, sondern gleich drei. Durch die Erfahrungen, die der Affe gemacht hat, kann der junge Leser verstehen, dass man sich nicht leichtfertig auf Fremde einlassen darf. Er begreift aber auch, dass man sich reicher und glücklicher fühlen kann, auch wenn man nichts dazugewonnen hat, sondern ‚nur‘ einer drohenden Gefahr entkommen konnte. Der Krokodilmann erkennt, dass man nur handeln sollte, wenn man selbst voll und ganz hinter einer Sache steht, und die Frau des Krokodils lernt, dass man das, was man hat, nicht leichtfertig aufs Spiel setzen sollte, nur um seinen Willen zu bekommen. So bleibt der lehrhafte Märchencharakter in dieser Kindergeschichte erhalten.

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