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Das Frühlings Erwachen genießen!

Von Moritz Stiefel (2026)

Hätte ich nur gewusst, wie unkompliziert und schön – wenn auch in der Vorbereitung vielleicht etwas langwierig und manchmal peinlich – die aufregendste Nebensache der Welt sein kann, hätte ich mich damals nicht – wie mein Freund Melchior das so schön formulierte – in die Zweige hängen müssen! Wovon ich rede? Natürlich vom Frühlings Erwachen und vom ‚ersten Mal‘, aber auch von einer veränderten sexuellen Wirklichkeit und dem, was ihr heute ‚Gender‘ nennt! Aber um zu verstehen, was ich damit meine, lassen wir die Vergangenheit am besten Vergangenheit sein und widmen uns der Gegenwart!

Ich fange also noch einmal anders an: Der amerikanische Erfolgsautor Jason Reynolds, den man in Deutschland z.B. durch seinen 2019 veröffentlichten Roman Long Way Down oder durch das zusammen mit Ibrahim X. Kendi verfasste, engagierte erzählende Sachbuch Rassismus und Antirassismus in Amerika (2020) kennt, legt mit 24 Sekunden ab jetzt eine „ganz normale Liebesgeschichte“ vor (so der Untertitel). Diese wird von einem leichthändigen, humorvollem Erzählton getragen, der fast immer souverän die vielen Klippen zu umschaffen vermag, die mit der literarischen Darstellung von Sexualität, zumal im Jugendbuch, verbunden sind. – Nicht umsonst vergibt die britische Zeitschirift Literary Review einmal im Jahr den ‚Bad Sex in Fiction Award‘. (Achtung, hier wird es richtig peinlich!) 

Reynolds Text jedoch verzichtet dankenswerterweise auf schwülstiges Geschwurbel und New-Adult-Klischee-Spice, er widmet sich ganz einfach der Liebesgeschichte der beiden schwarzen Teenager Neon und Aria, die sich vor zwei Jahren kennenglernt und beschlossen haben, miteinander zu schlafen, aber nichts überstürzen wollen. Der Roman beginnt, wie der Titel andeutet, im Hier und Jetzt der erzählten Welt („24 Sekunden ab jetzt“). Die Handlung bewegt sich ein Stück weit vorwärts, dann springt die Perspektive immer weiter zurück (24 Minuten, 24 Stunden…), bis zum Zeitpunkt des Kennenlernens vor 24 Monaten, um dann wieder in der Erzählgegenwart anzukommen. Durch diese Rückblendetechnik wird uns ein innerer Film präsentiert, der die Gefühle, Wünsche, Träume, aber auch die Sorgen und Ängste des siebzehnjährigen, leicht nervösen Ich-Erzählers Neon überzeugend inszeniert. Zudem korrespondiert dieses Verfahren mit der Handlung in der erzählten Welt, in der Neon ein filmisches Jahrbuch für seine College-Abschluss-Klasse produziert; deshalb kann der Roman auch als literarischer Liebesfilm bezeichnet werden. Ganz nebenbei gibt das Werk, das eine konsequent schwarze Perspektive aufrechterhält, Einblick in kreative Schaffensprozesse und deutet Fragen nach Autorschaft und biografischer Inszenierung an. 

Besonders gelungen erscheint in dieser Simulation filmischen Sehens eine Form von an den Erzähler gebundener Multiperspektivität, die Erfahrungen von Menschen unterschiedlichen Alters einfängt und zeigt, wie sich im Laufe der Zeit gesellschaftliche Vorstellungen von angemessener Sexualität – und wie man darüber sprechen kann – gewandelt haben: So lesen wir, wie anders die Liebesgeschichte von Neons Großeltern sich im Vergleich zu der seiner Eltern entwickelt hat und wie sehr sich wiederum das Liebesleben seiner Schwester davon unterscheidet. Durch die ‚filmischen Erzählweise‘ vermag der Roman es zudem, uns scheinbar unvoreingenommen auf Figuren blicken zu lassen, die auf sich selbst und andere Figuren blicken – wir perspektivieren also fremde Perspektiven. Dabei reflektiert der Text allerdings nicht an allen Stellen (Stichwort: Blick des Großvaters) sexistische Einschreibungen, auch wenn er im Ganzen – aus der Sicht einer männlichen Figur – sehr deutlich macht, dass Frauen niemals als Objekte zu betrachten/ zu behandeln sind! Dafür sorgt insbesondere Neons Mutter in einem denkwürdigen Gespräch mit ihrem Sohn bei einem gemeinsamen ‚Aufklärungsfrühstück‘ in einem Restaurant, dass auch Themen wie Einvernehmlichkeit und Pornographie ‚abfrühstückt‘. 24 Sekunden ab jetzt behält dabei konsequent eine heterosexuelle (und schwarze) Perspektive bei, ohne sich in irgendeiner Form abschätzig gegenüber anderen Formen des Zusammenlebens zu äußern. Man würde dem Text also sehr unrecht tun, wollte man ihn als Bestätigung von (heteronormativen) Normalitätskonstrukten lesen – was eine Art Hobby sich engagiert gebender Kinder- und Jugendliteraturkritik geworden zu sein scheint…

Wie dem auch sei – ich komme auf meinen anderen Anfang zurück. Von einer Kinder-, Jugend- oder Mädchentragödie (wie bei Frühlings Erwachen) kann bei 24 Sekunden ab jetzt auf keinen Fall die Rede sein, schon eher von einer engagierten Adoleszenz-Komödie, die sich nie über ihre Figuren erhebt und einfühlsam von einer zentralen menschlichen Entwicklungsaufgabe erzählt. Jason Reynolds ist mit seinem Roman also etwas gelungen, was ich mir schon in meiner Jugend gewünscht hätte: Einen sorgfältig erzählten, emotional durchdachten Text, der gut unterhält und gleichzeitig ein Reflexionsangebot auf Augenhöhe von Heranwachsenden macht, ohne sie belehren zu wollen.

Bibliographische Angaben:

Jason Reynolds
24 Sekunden ab jetzt. Eine ganz normale Liebesgeschichte
München: dtv 2026 
190 Seiten
Jugendroman ab 14 Jahren

Leseprobe: