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„Ich war einer, der sich mit Barbiepuppen, Flüssen, Spiegelbildern und Mülltonnen unterhielt.“

Von Thomas Fischer (2026)

Stuxx heißt eigentlich Stefan Uwe Max Dönnerschlach, ist knapp vierzehn Jahre alt und wohnt seit Kurzem in Köln. (Der Name der Stadt wird nie genannt, aber das Frontispiz ist eindeutig.) Sein zu Verballhornungen geradezu auffordernder Name und sein vermeintlich hässlicher „Schraubenschlüsselkopf“ sind nicht seine einzigen Probleme: Der Vater ist Straßenkehrer, die Mutter vor vier Jahren abgehauen, und er muss sich das Kinderzimmer mit seiner nervigen vierjährigen Schwester Lila und ihrer sprechenden Puppe Arielle teilen.

Stuxxens Träume richten sich hauptsächlich auf alte amerikanische Straßenkreuzer – und auf die schöne Klassenkameradin Luzie Karsunke. Sein einziger Freund ist der hochbegabte, leicht verpeilte Koreaner Gong, der heimlich in Eren, den Fußballprofi der Schule, verknallt ist. Talent zeigt Stuxx eigentlich nur im Boule-Spielen, was ihm Punkte bei Luzie verschafft. Der triste Alltag wird dadurch unterbrochen, dass die Mutter nach vier Jahren angeblicher Weltreise mal wieder aufzukreuzen geruht. (In Wirklichkeit ist sie Lidl-Kassiererin in Dortmund.) Stuxx möchte aber viel lieber sein erstes Date mit Luzie, Boule-Wettkämpfen und Hirsebratlingen genießen. Ganz nebenbei macht er mit Gong in einem geklauten alten Ford eine Spritztour am Rheinufer – seit 2010 kommt kaum ein Coming-of-Age-Roman ohne eine Tschick-Szene aus! Alles deutet also auf eine mittlere Katastrophe hin…

Dass die Rabenmutter in das Rendezvous hineinplatzt, wirkt zunächst wie die traurige Peripetie eines klassischen Dramas, doch bahnt sich gerade dadurch auch eine Lösung an: Erst wächst der Junge bei der Verhaftung eines Triebtäters, der Luzie in der U-Bahn sexuell belästigt hatte, über sich hinaus, dann ringt er sich mit Unterstützung von Luzies Eltern endlich zur Versöhnung mit der überforderten Mutter durch: „Dann kramte ich in meinen Taschen, fand den Zettel mit Mamas Telefonnummer, nahm mein Handy und tippte sie ein.“

Der wie Wolfgang Herrndorf zunächst als Maler tätige Will Gmehling hat mit seinem anrührenden Kinderbuch Freibad (Deutscher Jugendliteraturpreis 2020) und dessen Fortsetzungen um den kleinen Alf(red) Bukowski und seine Familie einen verdienten Erfolg errungen. Stuxx ist sein erster Jugendroman, und die kleinen Macken eines Gattungs-Erstlings sind nicht ganz zu übersehen. Gmehling trifft die Sprache pubertierender Jugendlicher nicht so überzeugend wie die der Grundschulkinder in seinen ersten Büchern. Es ist, als ob ein älter gewordener Alf seine kindlichen Allüren noch nicht ganz ablegen konnte.

Zwar schildert der Ich-Erzähler seine Sorgen und Nöte in bemerkenswerter Offenheit, von der ständigen Übermüdung, den Schul- und Geldproblemen und den überwältigenden Gedanken an Sex bis hin zu gelegentlichen Suizid-Kontemplationen, doch lässt ihn der 1957 geborene Autor dies in einer leicht antiquiert wirkenden Jugendsprache tun: Alle Naselang ist irgendjemand „fies“, die kleine Schwester wartet mit dem Running Gag „Das ist niss lustiss!“ auf – und bitte, kein Vierzehnjähriger würde jemals so über seinen Körper sprechen: „Was da aber zwischen meinen Beinen war, gefiel mir. Es hatte mir schon immer gefallen, ich meine, die Größe und die Form. Auch die Schamhaare. Zumindest etwas, was ich mochte. Immerhin.“ [S. 105]

Sehr gelungen sind dagegen die Seitenhiebe auf das Kölner Alltagsleben. Die aggressiven „Schnapsleute“ in der Straßenbahn sind ebenso überzeugend dargestellt wie der allgegenwärtige Dreck auf den Bürgersteigen, den der Vater mühsam entfernen muss. Die detailfreudig erzählten Streifzüge der Freunde und ihre ziemlich witzigen Diskussionen über Gott und die Welt sind eine unbestreitbare Stärke dieses Romans. Bei der Schilderung skurriler Situationen und schlagfertiger Dialoge ist der Autor ganz in seinem Element, und daher freuen wir uns, wie bei den Alf-Geschichten, doch auf die mutmaßlich geplanten Fortsetzungen.

Bibliographische Angaben

Gmehling, Will
STUXX
Wuppertal: Peter Hammer Verl., 2026
288 Seiten
Jugendbuch ab 12 Jahren

Leseprobe

[Stuxx und Gong entdecken am Rheinufer einen alten Ford Thunderbird.]

Dann erst sah ich die Schlüssel.
„Die stecken da…“, murmelte ich.
„Yep“, sagte Gong. „Das tun die. Der Herr war emotional und körperlich sehr in Anspruch genommen. Da kann man so eine Nebensache wie banale Autoschlüssel schon mal aus dem Blick verlieren.“
Ich schluckte.
„Die zwei sind wahrscheinlich für länger beschäftigt…“ sagte Gong.
Ich nickte.
Mach dein Ding, Stuxxi, hatte Arielle gepiepst.
Also gut, dann machte ich eben mein Ding.
Wie gesagt, es ist das Einfachste der Welt: den Wagen starten, den Rückwärtsgang einlegen, das Gaspedal treten.
OH, MEIN GOTT, wie sich der Motor anhörte!
OH, MEIN GOTT, wie es sich anfühlte!
Ich fühlte mich nicht mehr erbärmlich oder sonst wie schlecht. 
Ich lenkte ein herrliches Schiff!
Oh, mein Gott, spätestens ab jetzt wusste ich, dass es dich gibt.
Ich werde das nie jemandem erklären können. In einem Ford Thunderbird, Baujahr um 1964 herum, fand Stuxx Dönnerschlach, der mit dem Schraubenschlüsselkopf, zu GOTT.

Noch konnten wir zurück. Noch rollte der Thunderbird langsam über die Wiese, ich konnte bremsen, den Motor ausschalten und gut. Gong hätte nur zu sagen brauchen, komm, Stuxx, das war’s, lass uns nach Hause fahren, du hast ja gar nicht die nötige Fahrpraxis. Hätte er. Tat er aber nicht.

[S. 154 f.]