Vertrauen ist gut – Kontrolle ist besser?
Von Lisa Kulbe, Tatjana Nobis, Nina Özdemir, Ronja Prümm und Minh-Anh Tran (2026)
„Ich bin ein Krieger. Aber der Feind sitzt in mir. Und diesen Krieg kann ich nicht mit Gewalt gewinnen.“ – Das sind die Worte von Elias, der Hauptfigur des dystopischen Jugendromans Matria von Tobias Elsäßer, der die Leser*innen mit einer bemerkenswerten Frage konfrontiert: Ist eine Welt, in der Frauen aus Selbstschutz ein System erschaffen, das die Freiheit der Jungen bzw. Männer stark einschränkt, zwangsläufig eine bessere?
Die Handlung von Matria dreht sich um den 15-jährigen Elias, der in einer solchen, von Frauen geführten Gesellschaft aufwächst, in der zum Schutz der Frauen besonders strickte Auflagen für Jungen und Männer gelten. Das gesamte Leben in der, in einer postapokalyptischen Welt situierten, Matria wird lückenlos kontrolliert, sei es durch Drohnen oder sogenannte Chronos – eine Art Smartwatch, über die jegliche Kommunikation mit dem Staat und behördliche Mitteilungen läuft. Mit dem Eintritt in die Pubertät steht Elias und anderen Jungen ein gravierender Wendepunkt bevor, der ihre Menschenrechte massiv beschneidet: Sie werden in ein Camp in den Bergen geschickt, um sich einer Reihe herausfordernder und manipulativer Prüfungen zu unterziehen. Was dort genau geschieht, darf aber von niemandem (und auch nicht von den Verfasser*innen dieser Rezension) preisgegeben werden. Elias, der gerade zum ersten Mal verliebt ist, sieht sich somit nicht nur mit den typischen Herausforderungen des Erwachsenwerdens konfrontiert, sondern auch mit der Angst vor dem bevorstehenden Camp. Und diese Angst ist nur zu berechtigt, denn die Bewältigung der Prüfungen entscheidet über die Zukunft der Jugendlichen in der Matria. Wer nicht besteht oder sich dem System nicht anpassen möchte, verliert das Recht, in diesem geschützten Raum zu bleiben.
Elsäßer, der für seine gesellschaftskritischen und zukunftsorientierten Jugendbücher bekannt ist, greift in seinem dystopischen Jugendroman eine weitere Vielzahl hochaktueller und gesellschaftspolitisch umstrittener Themen auf – von KI und Migration über Krieg und Inklusion bis hin zu Sexismus, Abtreibung und Transsexualität, von denen allerdings viele im Verlauf der Handlung kaum vertieft werden; sie finden oft nur beiläufig Platz und wirken dadurch stellenweise etwas oberflächlich. Die Stärke des Romans liegt jedoch in seiner Identifikationsfigur: Durch den intern fokalisierten Ich-Erzähler ist das Wissen der Leser*innen komplett an Elias‘ Sicht gekoppelt. Dabei ist die Perspektive eines Jungen, der in einer von Frauen geführten Gesellschaft aufwächst und seine Emotionen offenlegt, besonders spannend. Während der ereignisreiche und spannende Jugendroman zwar Stereotype bedient, wie die sanfte Frau und das gewalttätige Böse in Form des animalischen Mannes, bricht Elsäßer das klassische Rollenbild des ‚harten Mannes‘ also auf, indem auch die Figuren der Jungen dazu gezwungen werden, ihre Gefühle zu benennen. Dieser emotionale Zugang schafft Empathie: Die Leser*innen können die Zerrissenheit des Jungen, der in einem klar geregelten Raum aufwächst und sich dennoch unfrei fühlt, hautnah nachempfinden. Durch diesen starken Fokus auf Elias‘ Innenleben kommt allerdings die eigentliche Ausarbeitung der Frauengesellschaft und nicht nur weiblich gespiegelter patriarchaler Figuren zu kurz. Matria ist trotzdem ein äußerst spannender Denkanstoß, der für reichlich Diskussionsmöglichkeiten sorgt!
Bibliographische Angaben:
Elsäßer, Tobias
Matria
Stuttgart: Thienemann Verlag, 2026
240 Seiten
Dystopischer Jugendroman ab 14 Jahren