„Manche Namen verleihen einem breite Schultern“ – Ein Buch über Freundschaft und Mut
von Jessica Haas, Nils von Hallen, Celia Thiel, Florentine Truskowski (2025)
In der Erzählung „Morris: Der Junge, der den Hund sucht“ von Bart Moeyaert stehen zentrale Themen wie Freundschaft, Anerkennung, Trauer und Mut im Mittelpunkt. Die Geschichte erzählt von Morris, einem Jungen, der sich nicht nur immer wieder auf die Suche nach dem gerne in die Berge ‚entfliehenden‘ Hund Houdini macht, sondern zugleich auf eine emotionale Reise geht – hin zu sich selbst, zu Vertrauen und neuer Hoffnung. Besonders bedeutungsvoll ist dabei die sich bedächtig entwickelnde Freundschaft zwischen Morris und Max, dem Jungen, der anfangs bedrohlich wirkt und viel Mut von Morris fordert. Auch die Verbindung von menschlichen und Tierfiguren verleiht dem Buch emotionale Tiefe und verdeutlicht das Bedürfnis nach Zugehörigkeit. Morris lebt nämlich, wie einige Stellen im Buch vermuten lassen, aufgrund familiärer Konflikte bei seiner Großmutter. Er zeigt im Verlauf der Geschichte eine große emotionale Entwicklung und lernt, mit Angst umzugehen, entwickelt Resilienz und wächst an den Herausforderungen, denen er sich stellen muss. Die Suche nach Houdini wird zur Metapher für seine Suche nach Sicherheit, Zugehörigkeit und innerem Gleichgewicht. Dabei spielt auch die Beziehung zur Großmutter eine zentrale Rolle – sie gibt ihm Struktur, Trost und Verlässlichkeit in einer unsicheren Welt.
Ästhetisch sticht die reduzierte, aber poetische aufgeladene Sprache heraus, weil einerseits der Text sehr kurz und minimalistisch gehalten ist und andererseits durch die pointierte Wortwahl eine ausdrucksstarke Bedeutung vermittelt wird. Ein Beispiel dafür sind Namensgebungen unbelebter Objekte, die dem Jungen zunächst als geografische Orientierung dienen, jedoch auf einer tieferen Bedeutungsebene die Aussage „Wenn etwas einen Namen hat, existiert es mehr als ohne Namen“ illustrieren. Daran anschließend zeigt sich in dem Buch auch auf der sprachlichen Ebene die Betonung der Emotionen der Charaktere. „Wenn man heimlich weint, weint man sich nie richtig aus.“
Die liebevollen Illustrationen von Sebastian van Doninck in zurückhaltender Farbgebung harmonieren mit der poetischen Sprache und verstärken die emotionale Tiefe der Geschichte. Die feinfühligen Zeichnungen unterstützen eindrucksvoll den Einblick in die Gefühls- und Gedankenwelt der Figur Morris. Mit einer Farbpalette aus Weiß, Blau, Gelb, Grün und Rot wird einerseits die Atmosphäre der winterlich-kalten, teils bedrohlichen Landschaftsszenerie eingefangen, andererseits aber auch die glücksversprechende, wohlige Wärme des großmütterlichen Hauses. Die Leser*innen werden zum Entdecken und Verweilen in den Bildern eingeladen, begleiten Morris und erleben seine Geschichte visuell mit.
Das Werk, das Unausgesprochenem viel Raum gibt und die emotionale Lage des Jungen sensibel skizziert, eignet sich sowohl für Kinder als auch für Erwachsene und lädt dazu ein, über Verlust, Freundschaft, Sicherheit sowie über die Kraft von Bildern und Sprache nachzudenken und zu philosophieren – bei jüngeren Leser*innen vorzugsweise im gemeinsamen Lesen mit erwachsenen, da die Inhalte anspruchsvoll sind. „Morris“ bleibt in Erinnerung – leise, aber eindrücklich!
Moeyaert; Bart und Van Doninck, Sebastiaan (Illustrationen)
Morris: Der Junge, der den Hund sucht
München: Hanser Verlag 2024
57 Seiten