‚Die Vergangenheit klopft an‘ oder Ein Puzzle aus Verdrängung, Trauma und neuer Hoffnung
von Julia Engels, Malin Fitzlaff, Luca Thomé (2025)
Susan Kreller, bekannt für ihre bildhaften und komplexen, vielfach ausgezeichneten Romane, entwirft in „Das Herz von Kamp Cornell“ ein Netz aus Andeutungen, Symbolen und psychologischen Themen. So entsteht ein stellenweise düsterer, mit unheimlichen Elementen angereicherter Jugendthriller, der mitreißt und schockiert, aber auch durch skurrile Komik überzeugt, in dessen Verlauf man jedoch mitunter die Orientierung verlieren kann.
Mit einem rätselhaften Brief, der nur die Worte „zu spät“ enthält, beginnt Susan Krellers spannender, Jugendroman „Das Herz von Kamp-Cornell“. Diese kryptische Botschaft ist Auslöser für ein unerwartetes Zusammentreffen von Familienmitgliedern, die sich lange nicht gesehen haben (vier Schwestern) oder bisher noch gar nicht kannten (ihre Kinder). Der Ort, an dem sie zusammenkommen, verkörpert jedoch weder Heimat noch Geborgenheit, sondern wirkt unheimlich und abweisend; das Haus, in dem der Großvater scheinbar allein lebt, beherbergt ein jahrzehntealtes Familiengeheimnis. Für die Kinder der unfreiwillig wiedervereinigten Geschwister beginnt hier eine Suche nach lange verschwiegenen Antworten in einem Umfeld, das v.a. von einer merkwürdigen Nachbarschaft geprägt ist, hinter deren aufgesetzter Freundlichkeit Aggressivität durchscheint.
Dieses merkwürdige Verhalten hängt zusammen mit dem dunklen Geheimnis, das nicht nur die Familie betrifft, sondern die meisten Menschen von Kamp-Cornell. Und so ist ein zentrales Thema des Romans das Verdrängen. Die Mütter haben das alte Haus und den Großvater jahrzehntelang gemieden, ihre Kinder nie mit der eigenen Vergangenheit bekannt gemacht. Doch durch den geheimnisvollen Brief sind sie gezwungen, sich mit dem auseinanderzusetzen, was sie hinter sich lassen wollten. Das Haus selbst wird dabei zum Symbol für das Verdrängte. In seinem Inneren erwarten die Familienmitglieder Dunkelheit, Kälte, Stromausfälle, seltsame Geräusche und verbotene Räume. Die Kinder entdecken Hinweise auf die dunkle Vergangenheit der Familie bzw. der Menschen des Ortes.
Besonders an „Das Herz von Kamp-Cornell“ istKrellers multiperspektivisch Erzählweise, da die Geschichte hauptsächlich aus der Sicht der Kinder Edin, Lu und Johnny erzählt wird, bei denen es sich um drei Charaktere handelt, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Gelungen ist auch die Balancez wischen Ernsthaftigkeit und komischen Momenten, die von einem Sprachwitz leben, der vielleicht nicht unbedingt die Sache jeder Leser*in ist. Dabei wirkt der Humor auch wie ein Abmilderungsmechanismus gegen die dunklen Themen, die unter der Oberfläche der Geschichte liegen.
„Das Herz von Kamp-Cornell" ist, so lässt sich zusammenfassend sagen, mehr als nur ein Jugendbuch mit Spannungselementen. Es ist ein Porträt einer Familie, die lernen muss, sich der eigenen Geschichte zu stellen. Es behandelt Themen wie Schuld, psychische Belastung, die Macht der Vergangenheit, die Verstrickung in totalitäre Strukturen und das Hinterfragen des unbedingten Strebens nach Glück. Das ist zwar nicht immer einfach, aber in jedem Fall lohnend!
Bibliographische Angaben:
Kreller, Susan
Das Herz von Kamp-Cornell
Hamburg: Carlsen Verlag, 2024
250 Seiten
Jugendbuch ab 12 Jahren
Leseprobe:
„Die Briefmarke war nicht abgestempelt und hatte den Tod zwischen den Zähnen. Man hatte sie in der genau richtigen Umschlagecke und kerzengrade aufgeklebt, aber deutlich verkehrt herum, um hundertachtzig Grad gedreht, Kopfstand für Fortgeschrittene. Die Kornelkirsche, die zu Ehren der Kornelkirsche auf der Marke abgebildet war, und zwar linker Hand gelb blühend und rechts daneben als kleine rote Frucht, bekam dadurch etwas Unheimliches, fast Bedrohliches.“